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"Und tötet sie, wo immer ihr sie findet...

...und vertreibt sie, von wo sie euch vertierben haben..."

pixabay
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Viele junge Muslime kennen den oben zitierten Vers und fühlen sich oftmals in der Bredouille, wenn sie danach gefragt werden. Und zugegeben, kennt man die Hintergründe und Zusammenhänge nicht, so erscheinen diese willkürlich gewählten Textpassagen brutal und kriegerisch. Vor allem durch die jüngsten Ereignisse, den vielen selbst ernannten Islam Experten und Kritikern, fühlte ich mich vermehrt gezwungen, diese Missverständnisse auszuräumen. Also schreibe ich diesen Post, in der Hoffnung, dem ein oder anderen damit zu helfen. Und vielleicht können wir so gemeinsam den Vorurteilen und falschen Tatsachen entgegenwirken.

 

Vorab möchte ich sagen, dass ich keine Gelehrtin oder Koran-Exigeserin bin. Mein Wissen ist begrenzt und ich habe für diesen Post zahlreiche Websiten durchforstet. Mein arabisch hilft mir, den Koran in seiner Originalsprache zu lesen. Dennoch sind jegliche Informationen hier beruhend auf der Arbeit anderer. Ich habe lediglich die Informationen zusammengefasst und einen Text für euch daraus verfasst.

Der Koran

Der Koran, also das heilige Buch der Muslime, erschien nicht als ganzes, vollständiges Buch an einem Tag. Er wurde, Vers für Vers, durch den Engel Gabriel herabgesandt und dem Propheten Muhamad (s.) vorgetragen, bis dieser ihn auswendig konnte. Dabei wurden sie nacheinander, folglich auf Erignisse oder Geschehnisse herabgesandt. Das heißt, dass bestimmte Verse nur auf bestimmte Situationen hin herabgesandt worden sind und sich auf ein konkretes Ereignis beziehen. Daher ist es enorm wichtig, die geschichtlichen Hintergründe zu kennen. Es wäre fatal, den Koran, 1400 Jahre später in die Hand zu nehmen, und ohne historisches Wissen, Verse zu interpretieren. Dieses Handeln führt unweigerlich zu falschem Umgang. Leider ist es genau das, was wir heute erleben. Menschen ohne jegliches Wissen, öffnen den Koran und beziehen sich dabei auch willentlich nur auf einzelne Verse, die zu kriegerischen Zwecken interpretierbar sind. Dabei missachten sie das Gesamtgerüst, das um diese Verse gebaut worden ist.

 

Vers 191 aus Sure Baqara (Sure 2)

Dieser ist wohl der mit Abstand berühmteste "kriegerische" Vers des Korans. Er lautet vollständig folgendermaßen:

 

"Und tötet sie, wo immer ihr sie findet, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben. Denn Verführen ist schlimmer als Töten. Kämpft nicht gegen sie bei der heiligen Moschee, bis sie dort gegen euch kämpfen. Wenn sie gegen euch kämpfen, dann tötet sie. So ist die Vergeltung für die Ungläubigen."

 

Die offensichtliche Frage nach so einem Vers lautet: Wie können Muslime bei solchen Worten denken, dass ihre Religion friedlicher Natur ist? Es wird jedoch eine Tatsache außen vor gelassen. Wir Muslime lesen den Koran meist als Ganzes, das heißt, wir beginnen mit der Sure bei Vers Nummer eins und hören meistens beim letzten Vers erst auf. Wir lesen den Koran nicht als Werk, das aus lediglich 20 Versen besteht. Und wenn wir das einmal gemeinsam hier tun, so ergibt sich ein ganz anderes Bild. Denn wir lesen Vers 190 davor und 192 danach. Und so lautet dann die gesamte Passage:

 

"Und kämpft auf Allahs Weg gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, doch übertretet nicht! Allah liebt nicht die Übertreter."
 190
"Und tötet sie, wo immer ihr sie findet, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben. Denn Verführen ist schlimmer als Töten. Kämpft nicht gegen sie bei der heiligen Moschee, bis sie dort gegen euch kämpfen. Wenn sie gegen euch kämpfen, dann tötet sie. So ist die Vergeltung für die Ungläubigen."
191
"Wenn sie jedoch aufhören, so ist Allah Allvergebend und Barmherzig."
 192
"Und kämpft gegen sie, bis es keine Verfolgung mehr gibt und die Religion (allein) Allahs ist. Wenn sie jedoch aufhören, dann darf es kein feindseliges Vorgehen geben außer gegen die Ungerechten."
193
Ich finde, in dieser Konstellation, liest sich das ganz anders. Die Muslime sollen auf Allahs Wege kämpfen, gegen diejenigen, die sie bekämpfen aber sie sollen Allahs Grenzen nicht übertreten. Sie sollen sie töten, wo sie sie auch finden, aber nicht bei der heiligen Moschee kämpfen, es sei denn, es wird dort gegen sie gekämpft. Wenn aber die anderen aufhören, die Muslime zu bekämpfen, dann ist Allah Allvergebend. Die Muslime sollen so lange kämpfen, bis sie nicht mehr verfolgt werden und aufhören, wenn die anderen aufhören.
 
Betrachtet man nur die Verse, ohne den Kontext zu kennen (dazu kommen wir später), ergibt sich folgende Anweisung: Kämpfe, gegen die, die dich bekämpfen. Und höre auf, wenn sie aufhören.
Es ist keine Aufforderung, bei jeder Gelegenheit seine Waffen zu erheben und Nicht-Muslimen den krieg zu erklären. Und es ist definitiv keine Rechtfertigung dafür, einen islamischen Staat zu gründen und alle zu töten, die nicht den selben Glauben haben.

 

Auch wenn meines Erachtens die Verse im Gesamtpaket keinen kriegerischen Charakter mehr aufweisen, möchte ich dennoch den historischen Kontext dazu erläutern. Da ich selbst keine Gelehrtin bin, verweise ich auf die Arbeit anderer.

Historischer Kontext

http://www.almizan.org/
http://www.almizan.org/

Dies ist eine Auslegung (Tafsir) von einem großen Gelehrten ( Muhammad Husain Tabataba'i), zu finden auf Tafsir al Mizan, Wenn ihr die entsprechende Sure und den Vers eingebt, findet ihr die Erläuterungen zur Sure. Leider ist es momentan nur auf Englisch verfügbar, deswegen habe ich es für euch übersetzt:

ZITAT
"Traditions

 

Ibn 'Abbas said about the verse, And fight in the way of Allah...: "This verse was revealed about the treaty of Hudaybiyah. And it was like this: The Messenger of Allah (s.a.w,a.) and his companions came out in the year when they wanted to perform 'umrah. They were one thousand and four hundred persons. They proceeded till they reached Hudaybiyah. There the polytheists prevented them from reaching the Sacred House. Therefore, they slaughtered their sacrificial animals at Hudaybiyah. The polytheists made an agreement with them that they were to go back that year; they would return for 'umrah next year when they would be allowed to enter and remain in Mecca for three days to perform tawaf and whatever religious rites they wished.

 

 

"The (Messenger of Allah) thereon returned to Medina. Next year the Prophet and his companions made preparations for the 'umrah which had become qada the previous year. At the same time, they were afraid that the Qurayshites would not honor the agreement and would again prevent them from reaching the Sacred House and would fight. The, Messenger of Allah did not like the idea of fighting with them in the Sacred month within the sacred boundary of Mecca. Then Allah sent down this verse." [Majam'u l-bayan]

 

The author says: Similar traditions have been written in ad-Durru l-manthur with various chains from Ibn 'Abbas and others." 
ZITAT ENDE

 

 

"Ibn 'Abbas sagte über den Vers: Und kämpft auf dem Wege Allahs....:' Dieser Vers wurde über die Schlacht von Hudaybiyah ofenbart.
Und es hat sich so abgespielt: 

 

Der Prophet (s) und seine Gefährten sind  in dem Jahr aufgebrochen und wollten die Umrah vollziehen. Es waren 1400 Personen. Sie sind vorangeschritten bis sie Hudaybiyah erreichten. Dort haben die Polytheisten (Vielgötteranbeter oder Ungläubige) sie davon abgehalten, die heilige Moschee (das heilige Haus)  zu erreichen. Also schlachteten sie ihre heiligen Tiere in Hudaybiyah.
Die Polytheisten haben ein Abkommen mit den Muslimen gemacht, dass wenn sie jetzt zurück gehen, sie das nächste Jahr zur Umrah wiederkommen dürften und es ihnen gestattet sein wird, in Mekka für drei Tage zu bleiben und sie den Tawaf und welche religiösen Riten auch immer sie wünschen vollziehen dürfen.

 


Der Prophet (s) kehrte nun zurück nach Medina. Im nächsten Jahr machte der Prophet und seine Gefährten die Vorbereitungen für die Umrah, das nun qada (Nacholung) des letzten Jahrs war. Zur selben Zeit hatten sie aber auch Angst, dass die Quraisch (Stamm der Mekka bewohnte) das Abkommen nicht einhalten würden und sie erneut davon abhalten würden, die heilige Moschee zu erreichen und sie dort sogar bekämpfen würden. "(Sie fürchteten sich also vor nicht-Einhaltung des Abkommens und davor, bekämpft zu werden und in der heiligen Moschee und im heiligen Monat zu kämpfen. Sie befürchteten, ob es überhaupt erlaubt sei, da es eigentlich verboten ist in der Zeit und an dem Ort zu kämpfen).
"Der Prophet (s) mochte die Idee nicht, im heiligen Monat (Pilgermonat) und dann auch noch in den heiligen Stätten Mekkas zu kämpfen. So sandte Allah diese Verse hinab." (Majam'ul-bayan)

Der Autor des Werks Al Mizan: Selbige Erzählungen findet man in Ad Durru l manthur mit weiteren verschiedenen Verkettungen (Verknüpfungen oder folgenden Ereignissen) von Ibn 'Abbas und anderen."

 

Image by Mohamad Trilaksono from Pixabay
Image by Mohamad Trilaksono from Pixabay
Prophet Muhammad (s) ist nicht nach Mekka gereist, um die Stadt von den Ungläubigen zu säubern, wie manch einer behauptet. Er darf zu der heiligen Stätte des Islams pilgern und er darf dort auch seine Riten durchführen. Und er durfte nur kämpfen, falls die Mekkaner sich nicht an das Abkommen halten würden, das sie geschlossen hatten. Er ist im ersten Jahr nach der Hisdschra zurückgegangen nach Mekka und ist, ohne die Hajj zu vollziehen, wieder nach Medina zurück.

 

In dieser Geschichte ist etwas ganz spannendes passiert. Für Gott war ein friedliches Abkommen mit den Nicht-Muslimen noch besser, als die Hajj. Und das, obwohl diese zu den fünf Säulen des Islams gehört. Der Prophet (s.) hätte ja auch einfach in den Kampf ziehen können, er weiß aber dass er es nicht darf und ist deswegen zurückgegangen.

 

Im nächsten Jahr wurden die oben genannten Verse offenbart um dem Propheten (s.) zu sagen: ja, es ist verboten in den heiligen Monaten zu kämpfen und ja es ist verboten in der heiligen Stätte zu kämpfen, aber wenn sie euch bekämpfen, dürft ihr sie bekämpfen und wenn sie euch vertreiben dürft auch ihr sie vertreiben.

 

Der Beweis, dass diese Verse sich auf die oben beschriebene Situation beziehen, findet man einige Verse später im Quran

 

 

"Sie fragen dich nach dem heiligen Monat, nach dem Kampf in ihm. Sprich: Der Kampf in ihm ist schwerwiegend; aber (die Menschen), die vom Wege Gottes abweisen, an Ihn nicht glauben, den Zugang zur heiligen Moschee verwehren und deren Anwohner daraus vertreiben, (all das) wiegt bei Gott schwerer. Verführen wiegt schwerer als Töten. Sie hören nicht auf, gegen euch zu kämpfen, bis sie euch von eurer Religion abbringen, wenn sie (es) können. Diejenigen von euch, die sich nun von ihrer Religion abwenden und als Ungläubige sterben, deren Werke sind im Diesseits und Jenseits wertlos. Das sind die Gefährten des Feuers; sie werden darin ewig weilen."
Sure 2, Vers 217
Nun dürfte unschwer erkennbar sein, dass die Verse 190-193 sich unmittelbar auf dieses eine Ereignis beziehen. Damit wäre jeglicher Aufruf zu kriegerischem handeln, der auf diesen Versen beruht, eine Verdrehung der Tatsachen. Dem Islam, basierend auf solche Passagen, eine brutale und kämpferische Natur zuzusprechen, ist meines Erachtens nicht nur ungerecht, sondern beruht auch auf mangelnder Recherche.
Es ist nicht schwer, sich zu informieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass uns in der heutigen Zeit unendlich viele Mittel zur Verfügung stehen. Allein der Zugang zu Büchern oder das freie Internet ermöglichen es uns, mehr als nur über einen Tellerrand hinaus zu schauen. Nutzt diese Möglichkeiten. Gebt euch nicht mit einfachen Erklärungen zufrieden. Nicht jeder vermeintliche Experte weiß, wovon er spricht. Viele plappern auch nur nach, was ihnen andere vorgeplappert haben. Seid nicht so wie sie. Hinterfragt die Dinge. Sucht selbst nach Antworten!

 

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