Warum ich als Muslimin kein Fleisch mehr esse

Image by David Mark from Pixabay
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Wenn es um das Thema Massentierhaltung geht, sind wir alle einer Meinung. Die wenigsten Menschen befürworten sie. Vor allem dann nicht, wenn sie erfahren, unter welchen Bedinungen die Tiere leben und geschlachtet werden. Daher ist es eigentlich schon selbstverständlich, diesen Umgang mit anderen Lebewesen zu verurteilen. Gegen Massentierhaltung zu sein, machte mich aber lange nicht zur Vegetarierin. Was hat sich also geändert?

Für mich als Muslimin gab es einen entscheidenden Punkt: Im Islam ist es nicht verboten, Fleisch in Maßen zu essen. Es ist eigentlich auch nicht erlaubt, gänzlich darauf zu verzichten. Dazu gibt es u.a. folgende Überlieferungen:

 

Macht eure Mägen nicht zum Friedhof der Tiere. 

 

-Imam Ali (as)

 

 

Der edle Gesandte Mohammad (saas) sagte, dass man nicht länger als 40 Tage kein Fleisch essen soll und nicht länger als 2 oder 3 Tage hinter einander Fleisch essen sollte.

 

Image by Willem67 from Pixabay
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Wenn ich also als Muslimin glaube, dass Fleisch eigentlich gegessen werden sollte, dann ist es schwierig, sich dagegen zu entscheiden. Es hat sicherlich eine gesundheitliche Relevanz, schließlich wissen wir noch nicht, wie sich Vegetarismus nach Generationen auswirkt. Es kann selbstverständlich viel gesünder sein, gar kein Fleisch zu essen, womöglich ist es aber doch notwendig, zumindest ein wenig Fleisch zu sich zu nehmen. Die Erkenntnisse ändern sich mit der Zeit und waren Dinge früher empfohlen, so sind sie heute als ungesund deklariert. Aus diesem Grund akzeptierte ich den Fleischkonsum für mich selbst. Ich habe sowieso noch nie viel Fleisch gegessen.

Ein weiterer Grund für meinen Fleischkonsum war die Tatsache, dass ich mich auf das Halal-Fleisch stützte. Halal bedeutet "im islamrechtlichen Sinne erlaubt". Die Tiere müssen dafür nach einem bestimmten Ritus geschlachtet werden, damit sie für den Verzehr geeignet sind. Man kann sich das in etwa wie bei koscherem Fleisch vorstellen.
Da ich ja nur Halal-Fleisch gegessen habe, habe ich mein Gewissen damit beruhigt. Es kommt ja aus einem anderen Topf, aus einer anderen Haltung, einer anderen Schlachtung, habe ich mir gesagt. Das Fleisch, das ich esse, stammt nicht aus Massentierhaltung, deswegen kann ich es essen und brauche kein schlechtes Gewissen zu haben.
So habe ich gedacht. Und jedes Mal, wenn ich mir wieder überlegt habe, auf Fleisch zu verzichten, eben wegen der schlechten Haltung, sagte ich zu mir selbst: Aber hey, es ist doch halal und nicht das gleiche.

Mit der Zeit wurden meine Zweifel aber immer größer. Ich beschäftigte mich mehr mit den Anforderungen und machte mir auch Gedanken zur Ethik des Islams. Was ist die Halal-Schlachtung eigentlich? Ist das Fleisch, das wir essen, wirklich halal? Und was für Folgen hätte eine ordentliche Halal-Schlachtung für unseren Konsum? Diese und viele weitere Fragen ließen mich nicht mehr los.

Im Islam, bzw. in meinem Verständnis von Islam (es gibt ja nicht DEN Islam), ist jedes Leben wertvoll. Man darf Tiere nicht zum Spaß töten, man darf Tiere nicht quälen und man muss sie gut behandeln. Allein im Koran werden Tiere unzählige Male erwähnt und Suren (Kapitel) nach ihnen benannt. Die artgerechte Haltung und der barmherzige Umgang mit den Tieren ist eine Pflicht, weil sie ebenfalls Geschöpfe Gottes sind und damit einen Anspruch auf ein gutes Leben haben.
Betrachtet man nun die Schlachtung, so ist auch in ihren Fundamenten der Tierschutz ein wichtiger Bestandteil. Laut islamischen Richtlinien gehört zur Halal-Schlachtung neben dem rituellen Schlachtprozess an sich auch eine ethische Komponente dazu. So müssen folgende Bedingungen erfüllt sein:

  • Die Tiere müssen gut und artgerecht gehalten werden.
  • Vor dem Schlachten darf das Tier nicht verängstigt werden und muss so lange beruhigt werden, bis es keine Angst mehr hat.
  • Kein Tier darf im Beisein anderer Tiere geschlachtet werden.

Das sind lediglich die Grundvoraussetzungen, also das Mindestmaß an Ethik, das eingehalten werden muss. Vor Jahren habe ich mal auf Youtube ein sehr gutes Video dazu gesehen (und ging deshalb immer von der "guten Halal Schlachtung" aus

In letzter Zeit habe ich mir immer wieder dieses Video in Erinnerung gerufen. Die Art, wie der Mann das Tier beruhigt, die ganze Mühe, die er investiert, damit das Tier keine Angst hat. All das ist wirklich schön und macht sogar die Schlachtung an sich weniger grausam.


Wenn man sich jedoch für ein einziges Tier so viel Zeit nehmen muss, wenn jedes Tier artgerecht gehalten wird und dann wirklich islamisch ethisch geschlachtet werden würde,wie viel Fleisch gäbe es dann zu kaufen? Hätten wir wirklich diese Masse an Halal-Fleisch zur Verfügung? Wären die Preise für Fleisch noch so niedrig?

Das war der Moment, in dem es bei mir Klick gemacht hat. Ich habe realisiert, dass Halal nicht gleich Halal bedeutet. Nur weil das Tier in Richtung Mekka platziert wird, der Schlachter ein Muslim ist und das Tier im Namen Gottes schlachtet, ist das noch lange nicht die Ethik, die sich hinter dem Begriff Halal befindet.
Meiner Meinung bestand der Sinn und die Logik bei dem ganzen Halal-Konzept darin, den Fleischkonsum auf ein Minimum, auf das Essentielle zu reduzieren. Denn wie viel Fleisch könnte man verzehren, wenn jedes Tier gut gehalten wird? Wenn die Tiere länger als ein paar Monate oder ein Jahr leben würden. Wie teuer wäre das Fleisch? Wenn jedes Tier einzeln und mit viel Sorgfalt auf die Schlachtung vorbereitet werden würde? Wie hoch wäre die emotionale Hemmschwelle, wenn die Schlachtung nicht in irgendwelchen Fabriken und riesigen Schlachthäusern stattfinden würde sondern auf dem Hof nebenan?
Die Massen an Fleisch, die wir, auch als Muslime, verzehren, stehen doch zu den geforderten Prinzipien der Halal-Schlachtung in keiner Relation. Als ich begriffen hatte, dass wir heute weit von den Grundprinzipien der Moral entfernt sind, habe ich mich gegen den Fleischkonsum entschieden.
Image by Bela Geletneky from Pixabay
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Ich esse kein Fleisch mehr. Nicht, weil ich kein totes Tier essen möchte. Ich esse es nicht, weil ich gegen die Massentierhaltung und für die Halal-Schlachtung bin. Aber was wir heutzutage als Halal deklarieren ist nichts anderes als das, was es in anderen Schlachthöfen auch gibt.

 

 

Wusstet ihr, dass Hähnchen bei ganz ganz vielen Schlachthöfen nicht einmal von Hand geschlachtet werden, sondern genauso über Sägebänder hängen und die Hälse einfach durchtrennt werden? Dabei läuft dann eine Kassette mit den rituellen Floskeln. Entschuldigt mich, wenn ich das nicht als Halal akzeptieren kann. 
Ich finde, wir gehen zu leichtsinnig mit diesem Thema um. Mag sein, dass es rein rechtlich nur auf den Schlachtungsakt ankommt und es durchaus als rituell reines Fleisch anerkannt wird. Denn es wurde ja nach einem Ritus geschlachtet. Aber ob das wirklich islamisch-ethisch korrekt ist? Das kann und werde ich nicht glauben. Denn ich habe vieles von meinem Glauben gelernt und hauptsächlich, dass Ethik und Moral einen immensen Stellenwert hat.
Wie kann ich also ein unethisch durchgeführtes Verfahren als islamisch korrekt akzeptieren und ruhigen Gewissens Fleisch konsumieren? Das funktioniert nicht!
Ich glaube, wir brauchen ein besseres Bewusstsein für die Dinge, die um uns herum geschehen. Nur weil wir es nicht sehen, heißt es nicht, dass es nicht passiert.

Ich hoffe, ich konnte den ein oder anderen damit zum Nachdenken anregen und wer weiß, vielleicht gibt es bald wirklich richtiges Halal Fleisch, nach islamischem Ritus und islamischer Ethik. Das wäre nicht nur gut für uns, sondern auch für die Umwelt.

In diesem Sinne, euch einen schönen Abend noch :)

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