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Wenn ein Kopftuch junge Mädchen sexualisiert

In Anbetracht der Berichterstattung der letzten Zeit, wirkt es so, als gäbe es in Deutschland ein ganz großes Problem: Und dieses Problem heißt Kopftuch.

 

Und auch wenn die Diskussion durchaus schon sehr viele Male stattgefunden hat, so scheint das Interesse an diesem Thema noch lange nicht abgeklungen zu sein. Erst kürzlich startete erneut eine Debatte, ob und inwieweit das Tragen eines Kopftuchs erlaubt sein soll. Diesmal richtete sich die Aufmerksamkeit nicht auf Lehrerinnen und Anwältinnen, sondern auf junge Mädchen unter 14. Hier wird als Begründung von der Politikerin Serap Güler angeführt, dass dieses Kleidungsstück junge Mädchen sexualisieren würde.

 

Als ich diese Aussage das erste Mal hörte, musste ich schlucken. Dies ist eine ganz neue Ebene der Anschuldigungen. Hier werden nicht mehr erwachsene, reflektierte Frauen beschuldigt und ihre Kompetenzen infrage gestellt. In dieser Diskussion geht es darum, jungen Mädchen die Bildung zu verwehren, weil sie angeblich durch die religiöse Kopfbedeckung sexualisiert werden. Hier wird der Begriff "Kindswohl" eingeführt.

 

Für mich, als eine junge Frau, die in der heutigen Zeit der Digitalisierung und des exzessiven Konsums lebt, ist so eine Äußerung wirklich nur schwer nachvollziehbar. Ich frage mich, inwiefern in unserer heutigen Gesellschaft, in der Frauen wie Kim Kardashian, Kylie Jenner und Huda Kattan (Huda Beauty) Vorbilder der heranwachsenden jungen Mädchen sind, ein Kopftuch eine Sexualisierung fördert. Betrachtet man die Jungen und Mädchen im Alter von zehn bis 14 Jahren, unabhängig von ihrer Religion oder Kopfbedeckung, so wirken sie auf mich schon längst sexualisiert. Wäre da ein Kopftuch noch ausschlaggebend?

 

Wenn ein Kopftuch ein Mädchen sexualisiert, inwiefern tut es das und auf welche Art und Weise? Inwiefern kann ein Tuch ein Mädchen sexualisieren, das durch social media, Internet und Werbung nahezu immer wieder mit sexistischen Frauenbildern schon sexualisiert wird? Wenn es uns also um den Schutz der Mädchen vor Sexualisierung geht, ist dann das Kopftuch wirklich Angriffsziel Nummer eins? Ist das Kopftuch wirklich die Ursache des hier angesprochenen Problems?

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Versteht mich nicht falsch, ich will hier kein Urteil über irgendwen fällen. Mir ist es auch schlichtweg egal, ob jemand denkt, dass eine Hotpants eine 13-jährige nicht sexualisiert und ein Kopftuch schon. Aber was mir nicht egal ist, sind politische Debatten, die auf falschen Tatsachen beruhen. Denn aus einer einfachen Behauptung seitens Güler, die weder überprüft noch belegt wurde, entwickelt sich eine Diskussion, in der es plötzlich darum geht, ein Kopftuchverbot einzuführen. Sprengt das nicht jegliches Maß an gesundem Menschenverstand?

 

Ich kann nicht glauben, dass wir in einem so intellektuell entwickelten Land, einfache Behauptungen als Grundlage für Gesetzesänderungen nutzen, ohne diese zumindest zu überprüfen. Niemand würde es als Tatsache akzeptieren, wenn Frau Güler gesagt hätte, die Farbe rosa sexualisiere Mädchen unter 14 und deswegen müsse man diese für sie verbieten.

Dass ein Kopftuch ein Mädchen sexualisiert, wurde nicht erforscht. Es gibt keine Studien, die das belegen. Zahlreiche Pädagogen, die sich sicherlich mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben, hätten doch befragt werden müssen.

 

Ich möchte ein kleines Gedankenexperiment durchführen. Angenommen, wir akzeptieren in diesem Gedankenexperiment, dass das Kopftuch junge Mädchen tatsächlich sexualisiert. Wären dann 13-jährige Mädchen mit einem Kopftuch sexualisierter, als Mädchen ohne? Ist die Sexualisierung der Mädchen oder der Kinder allgemein wirklich auf ein Kopftuch reduzierbar?

Das halte ich für unwahr. Denn selbst wenn ein Kopftuch Mädchen sexualisieren würde und dem widerspreche ich vehement, wie würde es sie denn sexualisieren? Indem sich Mädchen ihres Körpers bewusst werden? Oder indem sie verstehen, dass es geschlechterspezifische Unterschiede gibt? Werden denn diese zwei Dinge nicht ohnehin in diesem Alter schon begriffen und schon im Sexualkundeunterricht thematisiert?

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Ich glaube nicht, dass es Kinder sexualisiert, wenn sie wissen, dass sie sich geschlechterspezifisch unterscheiden. Dass Körper von Jungen und Mädchen nicht gleich sind, lernen sie schon in der Grundschule. Und wäre dem nicht so, dann würde es keine getrennten Umkleiden beim Sport- oder Schwimmunterricht geben.

Was also ist mit so einer Sexualisierung gemeint? Spricht man davon, dass es sexistisch ist, ein Kopftuch zu tragen? Dass junge Mädchen dann angeblich auf ihren Körper reduziert werden, wenn sie ein Kopftuch tragen?

 

Das zu kommentieren erscheint mir überflüssig, da sich für mich eine ganz andere Frage stellt.

Lernen junge Mädchen denn nicht schon durch Germany's next Topmodel, Tänzerinnen bei Musically und Influencern auf Instagram, dass Frauen oftmals durch ihren Körper zum Erfolg kommen? Ist diese sexistische Denkweise nicht eher durch die Gesellschaft in den Köpfen der jungen Mädchen etabliert? Ein Kopftuch würde demnach nicht mehr zu einer Sexualisierung beitragen, als unsere gesellschaftlichen Standards das nicht ohnehin schon tun.

 

Nennt man es möglicherweise deshalb Sexualisierung, weil Mädchen eine andere Kleidung tragen müssen, als Jungen? Macht dieser Aspekt das Kopftuch zu einem Symbol der Sexualisierung? Wenn wir hier über unterschiedliche Kleidung oder Kleidungsvorschriften sprechen, wären dann Schuluniformen auch sexistisch, weil Mädchen Röcke tragen und Jungen Hosen? Und sind dann nicht Farbeinteilungen wie rosa und blau bei der Kleidung von Kindern nicht auch sexualisierend?

Ich denke, es ist klar geworden, worauf ich hinaus möchte. In dieser Debatte wird wahllos mit einem Begriff um sich geworfen. Es ist dabei völlig unklar, was gemeint ist.

 

Erschreckend finde ich jedoch vielmehr die Reaktionen darauf. Und nicht zuletzt die Forderung, die daraus resultiert. Es soll ein Schulverbot für kopftuchtragende Mädchen unter 14 ausgesprochen werden. Für mich ist der Zusammenhang zwischen Sexualisierung, Alter und Schule nicht ersichtlich. Denn warum soll erst mit 14 Jahren erlaubt sein, ein Kopftuch zu tragen? Es ist plötzlich eine Diskussion um die Religionsmündigkeit entstanden. 

 

Betrachten wir das Gedankenexperiment nun aus dieser Perspektive. Angenommen wir akzeptieren, dass ein Kopftuch die Sexualisierung junger Mädchen fördert. Ab wann wäre ein Mädchen nicht mehr jung? Ab wann würde das Kopftuch sie nicht mehr sexualisieren? Ab dem Zeitpunkt, ab dem sie religionsmündig wird? Ist 14 nun das Alter, in dem ein Kopftuch nicht mehr sexualisiert oder eine angebliche Sexualisierung hingenommen wird? Hier sei noch einmal zu erwähnen, dass Kinder mit 13 Jahren schon Sex haben dürfen. Es kann ja nicht sein, dass ein Kopftuch mehr sexualisiert, als Sex an sich. Oder irre ich mich?

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Nach dieser Erörterung stellt sich für mich eigentlich nur erneut die Frage: Um was geht es hier eigentlich wirklich?

Ich glaube nicht, dass es um die Sexualisierung junger Mädchen geht. Mir erscheint das Ganze wie ein Versuch, das Kopftuch zu verbieten. Es ist viel einfacher, jungen Mädchen in dem Alter die Selbstbestimmung zu entziehen, als sie dann später im Berufsleben am Tragen des Kopftuchs zu hindern.

 

Dieser Umstand stimmt mich nachdenklich. Denn wir leben im 21. Jahrhundert. Wir haben das Jahr 2018 und immer noch sollen Frauen daran gehindert werden, über sich selbst zu bestimmen. Was hat das für eine Auswirkung auf ein junges Mädchen, wenn sie vom Staat daran gehindert wird, das zu tragen, was sie eben durch ihre Erziehung und damit auch durch ihre Überzeugung für richtig hält? Statt die Autonomie der Mädchen zu fördern, entzieht man sie ihnen.

Möchte man wirklich etwas gegen die Sexualisierung von Mädchen oder Kindern unternehmen, so sollte man sich am besten den Dingen zuwenden, die nachweisbar zu eben dieser Problematik führen. Selbst wenn das Kopftuch dabei eine Rolle spielen würde, so betrifft es zum einen nur einen sehr geringen Anteil an jungen Mädchen und hat auch bei weitem nicht dieselben Auswirkungen wie beispielsweise das social media.

 

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Ginge es hier wirklich um Sexualisierung der Kinder, so gibt es ein Dutzend Dinge, mit denen man den Kindern helfen könnte. Man könnte für Aufklärung sorgen, man könnte über Gleichwertigkeit der Geschlechter sprechen. Man könnte auch über den kritischen Umgang mit social media sprechen, über Photoshop-Models und Sexismus in Werbungen. Man könnte auch Schuluniformen einsetzen, die nicht nur Sexualisierung verhindern, sondern auch sehr gut gegen Diskriminierung wirken. Aber all diese Lösungsansätze beinhalten kein Kopftuchverbot.

 

Die derzeit geführte Debatte fußt auf eine Behauptung. Diese wurde weder belegt, noch begrifflich definiert. Es liegen keine Studien oder psychologischen Untersuchungen vor, die bestätigen, dass ein Kopftuch die Sexualisierung junger Mädchen fördert. Daher stellt sich für mich die Frage: Um was geht es bei dieser Diskussion wirklich?

 

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