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Das Kopftuch trägst du doch nicht freiwillig

Kaum eine junge Muslimin mit Kopftuch war noch nicht mit dieser Unterstellung konfrontiert. Es passiert nicht selten, dass einem sogar Bekannte aus Schule oder Universität nicht glauben, dass man sich selbst für das Kopftuch entschieden hat. Aussagen wie: "Ja, aber als du klein warst, wusstest du bestimmt nicht, was es bedeutet" oder "Ich glaube dir nicht, dass du es freiwillig trägst." sind zumindest den meisten von uns bekannt. Nicht selten wurde ich auch schon gefragt: "Dürftest du es denn jetzt auch ausziehen, wenn du es nicht mehr tragen willst?"

 

Die meisten Menschen wissen möglicherweise nicht, was sie damit suggerieren. Aber in letzter Zeit sind die Vorwürfe immer lauter geworden und sie sagen eines: dass wir unfrei sind und unterdrückt werden. Wir müssen uns immer wieder Vorurteilen stellen uns uns beweisen. Vor allem aber müssen wir beweisen, dass wir frei sind. Besonders dann, wenn es auf unsere persönliche Meinung zu einem Thema ankommt, müssen wir uns erst durch ein Wirrwarr an Annahmen, Vorverurteilungen und prüfenden Blicken durcharbeiten. Denn zuerst müssen wir zeigen, dass wir kein unterdrücktes Mädchen sind, das auf Rettung von außen wartet. Nur dann können wir ernst genommen werden. Und damit komme ich nun zum eigentlichen Thema dieses Posts.

 

Das Kopftuch trägst du doch nicht freiwillig

 

In der hiesigen Gesellschaft besteht eine Grundannahme. Und die lautet: Das Kopftuch tragen Frauen nicht freiwillig. Und wenn die muslimischen Frauen das doch tun, dann sind sie manipuliert, müssen aufgeklärt und befreit werden. Nur dann können sie lernen, was Selbstbestimmung ist. Denn sie sind durch das Patriarchat und durch ihre Religion unterdrückt. Eine Frau, die ein Kopftuch trägt, wurde dazu gezwungen. Wenn nicht verbal oder psychisch, dann bestimmt mit Gewalt. Und wenn sie es dann ablegen will, dann darf sie es wegen ihrer Familie nicht tun. Die neuste Herangehensweise ist die Behauptung, das Kopftuch sexualisiere junge Mädchen

 

Aus dieser Argumentation heraus, scheint es für die Politik eine naheliegende Lösung zu geben. Das Kopftuch für junge Mädchen wird an Schulen verboten und Frauen mit Kopftuch werden ununterbrochen degradiert, bis sie erkennen, dass das Kopftuch sie unterdrückt.  Was vereinzelt vielleicht halbwegs logisch klingt, müsste spätestens jetzt die Fragezeichen erscheinen lassen. Wie kann der ständige gesellschaftliche Druck auf Frauen, sie von einem angeblichen Druck seitens der Familie oder Religion befreien? Ist es nicht eigentlich sogar kontraproduktiv?

 

Ich leugne nicht, dass es Mädchen gibt, die das Kopftuch gegen ihren Willen tragen müssen (...)

 

Denn eigentlich sollte sich doch jede Frau und jeder Mensch frei entfalten können. Ohne Auflagen oder Angst, aufgrund der eigenen Entscheidungen gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden. Dabei beruht hier die gesamte Diskussion auf die einfache Annahme, dass jede Frau zum Tragen eines Kopftuchs gezwungen wurde.

Ich leugne nicht, dass es Mädchen gibt, die das Kopftuch gegen ihren Willen tragen müssen. Oder dass manche Mädchen damit unglücklich werden und es später ablegen. Ich glaube, das tut niemand. Das gibt es und wird es vielleicht noch lange Zeit geben. Vielleicht nicht in Deutschland, aber woanders. Und das ist schrecklich. Viele Frauen, unter anderem auch ich, setzen sich dafür ein, dass so etwas nicht passiert. Keine Frau sollte jemals zu irgendwas gezwungen werden.

 

Dies sollte jedoch nicht einseitig verlaufen. Frauen dürfen auch nicht gezwungen werden, sich einer unausgesprochenen Kleiderordnung anzupassen. Und das lediglich, weil diese in der Gesellschaft eher das Bild einer freien Frau wiederspiegelt. Denn dieser gesellschaftliche Druck ist nichts anderes als der familiäre Druck, den viele junge Frauen kennen. Genau davor möchte man sie doch beschützen. Deswegen kann die Lösung nicht sein, sie gesellschaftlich auszuschließen!

 

Es darf auch nicht außer Acht gelassen werden, dass viele Frauen ihr Kopftuch aktiv und auch gerne tragen. Sie möchten es nicht ablegen. Teilweise ziehen Frauen in Deutschland vor Gericht, um ihr Kopftuch bei der Arbeit tragen zu dürfen. Dieser Widerstand gegen eine Auflage kann nicht von schwachen und unterdrückten Menschen kommen. Es ist ein Bestandteil von starken Charakteren, sich für die eigenen Ideale und Ziele einzusetzen. Wie Farah Bouamar eins sagte: "Man braucht Selbstbewusstsein, um ein Kopftuch zu tragen."

 

Wirft man ein Blick auf die aktuelle Lage, so wird diese Aussage auch verständlich. Frauen sind durch ihr Kopftuch ein einfaches Ziel für Hass und Beleidigungen jeglicher Art. Und dennoch tragen sie das Kopftuch und setzen sich dafür ein.

 

Frauen ziehen vor Gericht, um das Recht zu haben, mit ihrem Kopftuch zu arbeiten

 

Wäre es nicht viel einfacher, dem Druck der Arbeitswelt, des sozialen Umfelds und der Gesellschaft nachzugeben? Wäre es nicht einfacher zu argumentieren, auch vor der Familie (die die Frau angeblich zwingt), dass wir mit unserem Kopftuch keinen Job finden können und es deswegen ablegen müssen? Warum tun wir es dann nicht? Es muss mehr dahinter stecken, als das bloße Argument der Unterdrückung. Es ist eine Überzeugung. Genauso, wie Frauen in Deutschland vor Jahren für ihr Recht gekämpft haben, das zu tragen, was sie selbst möchten, tun wir das auch. Nur kämpfen wir eben für ein anderes Kleidungsstück.

 

Doch leider kann nicht jede Frau dem Druck standhalten. Viele sehen sich gezwungen, ihr Kopftuch für bessere Berufschancen abzulegen. Ich kann nicht sagen, ob sie damit glücklicher werden oder unglücklich sind. Es kann jedoch nicht das Ziel sein, den Willen von Frauen zu brechen, um sie angeblich zu befreien. Wir dürfen Frauen nicht indirekt dazu zwingen, sich einer Kleiderordnung anzupassen. Und dabei spielt es keine Rolle, ob es um das Anziehen oder das Ausziehen eines Kopftuchs geht. Wir wollen einfach selbst entscheiden. Das ist im 21. Jahrhundert keine utopische Forderung.

 

Es darf keine Option sein, jungen Frauen die Autonomie und Selbstbestimmung abzusprechen. Und das nur, weil man für sich persönlich entschieden hat, dass diese Art von Bekleidung für einen selbst nicht in Frage kommt. Es gibt viele Dinge, die andere Menschen tun und die für uns unbegreiflich sind. Ich kann auch nicht verstehen, wieso manche Mädchen extra zwei Stunden eher aufstehen, um sich für die Uni zu schminken. Und das täglich. Aber warum muss ich das? Ich muss es nicht verstehen. Denn sie ist nicht nfrei, nur weil ich es selbst nicht als Freiheit ansehe. Für mich ist Freiheit eben, jeden Morgen mein Kopftuch zu tragen und damit genauso unbekümmert in die Uni gehen zu können.

 

Letzten Endes spielt unser persönliches Empfinden keine Rolle. Wenn es darum geht, wie andere sich kleiden wollen, dann haben wir uns rauszuhalten. Und dabei ist es egal, ob wir glauben, sie tragen es aus Lust und Laune oder weil sie es müssen. Spätestens beim Aufschrei zahlreicher Frauen gegen ein Kopftuchverbot oder beim Widerstand gegen Arbeitgeber, sollte die Gesellschaft es verstehen. Diese Frauen möchten ihr Kopftuch tragen. Sie tun es freiwillig.

 

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Wenn es das ist, was sie will, was geht mich das an?

Jeder Mensch hat andere Prioritäten. Und das möchte ich an einem Beispiel erläutern. Sehen wir uns hierfür Meghan Markle an. Für ihre Ehe mit Prinz Harry musste sie ihren Job aufgeben. Sie hing ihre Karriere als Schauspielerin an den Nagel, verzichtet seitdem auf all ihre Freiheiten und das alles nur für einen Mann. Sie darf keine social media accounts mehr haben, hat kein eigenes Einkommen mehr und ist jetzt quasi von Harrys Familie abhängig. Könnt ihr euch vorstellen, all das aufzugeben, nur um einen Mann zu heiraten? Also ich nicht. Und ich kann mir nicht vorstellen, langfristig damit glücklich zu sein. Aber das muss ich auch nicht. Und keiner von euch. Denn es ist doch eigentlich egal, ob ich oder ihr mit so einem Leben glücklich wären. Solange sie das ist, kann es uns doch egal sein. Oder?

 

Wenn wir diese Denkweise nun auch auf andere Situationen im Leben übertragen, dann können wir doch eigentlich alle glücklich und zufrieden sein.  Man kann sich vielleicht nicht vorstellen, dass eine Frau freiwillig ein Kopftuch trägt. Oder dass sie sich darin wohl fühlt. Man würde vielleicht selbst nie eins tragen. Aber das muss man auch nicht.

Wir müssen die Entscheidungen anderer nicht immer verstehen. Wir müssen sie nur respektieren. Daher lasst uns doch statt der ganzen Diskussion alle für mehr Respekt und Verständnis kämpfen. Nur so können wir die gesellschaft voran bringen.

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