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Selbstbewusst durch das Kopftuch?

Seit Jahren wird auf den Schultern von Frauen eine Debatte ausgetragen. Doch sie selbst sind nur in den seltensten Fällen ein Teil der Diskussion. Es geht um das Kopftuch. Manche hassen es, andere befürworten es und irgendwo dazwischen stehen viele junge Frauen. So wie einst auch ich, als ich mich dafür entschieden habe, meines aufzusetzen. Noch immer hat die Kopftuch-Debatte kein Gesicht. und das, obwohl so viele junge Frauen sich für ihre Freiheit einsetzen. Das Kopftuch ist nämlich für die meisten Frauen weit mehr als bloß ein Kleidungsstück.

 

Wenn über diese Frauen gesprochen wird, werden sie nicht nach ihren Gründen oder ihrer Motivation für das Kopftuch gefragt. Es wird von vornherein angenommen, dass sie es aufgrund von Unterdrückung oder Manipulation aufsetzen. Doch viele Frauen haben eine Geschichte zu erzählen. Und eine von diesen Frauen bin ich. Deswegen möchte ich euch anlässlich des Weltfrauentags erzählen, warum ich mich damals und auch heute für mein Kopftuch entschieden habe.

 

"Ich war so aufgeregt, endlich meine Tücher aussuchen zu dürfen"

 

Aufgesetzt habe ich es das erste Mal im Alter von zehn Jahren. Ich weiß noch, dass es ein schöner sonniger Tag war, denn die Sommerferien hatten gerade begonnen. Ich fieberte diesem ersten Ferientag schon seit Wochen entgegen. Es war nämlich auch der Beginn eines neuen Lebensabschnitts für mich. Ich würde auf das Gymnasium kommen, erwachsen werden. Die Entscheidung, das Kopftuch nach der vierten Klasse aufzusetzen, hatte ich also schon länger getroffen. Und nun war der Tag gekommen. Ich fühlte mich fabelhaft.

Ich erinnere mich noch daran, wie ich einige Zeit davor mit meiner Mutter in eine kleine Boutique ging, die auch Kopftücher und Zubehör verkaufte. Ich war so aufgeregt, endlich meine Tücher aussuchen zu dürfen. Am schönsten fand ich schon immer die langen, flatternden Schals. Die viereckigen Kopftücher, die meine Mama und meine Tante immer trugen, wirkten auf mich nicht so modern. Dort in der Boutique ließ ich mir von der Verkäuferin alle Modelle zeigen. Sie brachte mir auch am Spiegel bei, wie man die Schals wickelt. Deshalb lernte ich es quasi spiegelverkehrt, was mir aber jahrelang nicht aufgefallen war.

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Nun stand ich da, vor dem Spiegel und betrachtete mich selbst. "Jetzt bist du auch erwachsen, Aie.", schoss es mir immer wieder durch den Kopf. Und ja, das war damals meine Hauptmotivation. Endlich erwachsen zu sein. So wie Mama und wie meine Tante. Wie all die anderen erwachsenen Frauen halt. Was für andere vielleicht damals der erste eigene Lipgloss war, war für mich mein Kopftuch.

P.S.: natürlich habe ich trotzdem Lipgloss benutzt :D

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Das waren also meine Gedanken. Endlich erwachsen zu sein. Ich habe das Kopftuch nicht als sexuelles Symbol wahrgenommen. Mir war es eigentlich auch egal, dass mein zwei Jahre jüngerer Bruder keines aufsetzen musste. Weil wir doch sowieso immer unterschiedliche Kleidung getragen haben. Das war nun einmal so. Er trug ja auch keine Kleider.

 

Ich weiß noch, wie meine Mutter zögerte, als ich mit dem Tragen des Kopftuchs in den Sommerferien anfangen wollte. Sie fragte mich, ob ich mir sicher sei. Es wäre ja noch Zeit, bis ins Gymnasium (weil ich zuerst immer gesagt hatte, ich möchte bis zur fünften Klasse warten). Aber sie hat mich auch nicht daran gehindert, als ich es aufsetzen wollte. Ich glaube, insgeheim war sie sehr stolz darauf, dass ich von selbst darauf hinfieberte.

 

Durch die vielen Fragen lernte ich auch selbst sehr viel.

 

Natürlich kannte ich auch die Bedeutung des Kopftuchs. Ich wusste, wieso Frauen es tragen und warum es auf eine bestimmte Art und Weise getragen wird. Ich will nicht behaupten, dass ich diese Überzeugung über all die Jahre unverändert und ohne Zweifel in mir hatte. Aber ich wusste damals zumindest schon, was diese Entscheidung bedeutete. Ich habe sie nämlich aktiv und bewusst getroffen. Denn ich fühlte mich reif genug dafür und ich wollte es. Rückblickend bereue ich es auch nicht.

 

Damals war die politische Lage nicht so zugespitzt wie sie heute ist. Und trotzdem war es früher nicht unbedingt leichter als heute, sich frei zu entfalten. In der Schule wurde das Kopftuch immer wieder thematisiert. Es war keine Feindseligkeit, vielmehr  die Neugier. Wenn ich mich recht erinnere, war ich die einzige auf der gesamten Schule. Aber mir hat das nicht sonderlich viel ausgemacht. Durch die vielen Fragen, lernte ich auch selbst sehr viel. Denn ich musste sie auch beantworten können. Aber es war auch anstrengend, immer wieder mit dem Kopftuch konfrontiert zu werden, wenn es für mich eigentlich etwas normales war.

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Viele meiner Freundinnen erging es aber in der Schule nicht genauso gut wie mir. Zwar habe ich auch als junges Mädchen schon hin und wieder Erfahrung mit Diskriminierung machen müssen, aber es war alles nicht ganz so schlimm. Manche Freundinnen von mir wurden beispielsweise von ihren Lehrerinnen durchgehend gemobbt. Mir ist das Gott sei Dank nicht wirklich oft passiert. Vielleicht lag es daran, dass ich nicht auf den Mund gefallen bin. Ich wusste mir schon irgendwie zu helfen. Und da hat mein Kopftuch mich nicht daran gehindert. Im Gegenteil. Es hat mich stark gemacht. Denn ich musste mich immer wieder beweisen. Den Lehrern zeigen, dass ich es drauf habe. Und dass mein Kopftuch mich nicht dumm macht. Natürlich war das ein immenser Druck auf den Schultern eines jungen Mädchens. Aber das war nunmal die Realität. Ob ich deswegen jemals an meiner Entscheidung gezweifelt habe? Nein.

 

Man wurde in eine Vorbildsrolle gezwungen

 

Gezweifelt habe ich, als ich öffentlich an den Pranger gestellt worden bin. Als Frau mit Kopftuch ist man eben offensichtlich als Muslimin erkennbar. Sobald Verbrechen im Namen des Islams verübt wurden, richteten sich alle Blicke auf mich. Wenn Menschen mit Migrationshintergrund für negative Schlagzeilen sorgten, gingen die Finger auf mich. Man wurde plötzlich zu Terroranschlägen gefragt und sollte sich selbst dafür rechtfertigen.

Als pubertierendes Mädchen im Alter von 15 Jahren weiß man nicht unbedingt, wie man damit umgehen soll. Und da hinterfragte ich mein Kopftuch. Ich wollte nicht für jede schlechte Tat anderer verantwortlich sein. Und ich wollte auch mal Fehler machen können, ohne dass jeder denkt, alle Muslime seien so. Man wurde in eine Vorbildsrolle gezwungen. Ich wusste, egal was ich falsch mache, ich mache es nicht als Aie falsch, sondern als Muslimin. Dieser Druck war sehr groß. Irgendwann lernte ich damit umzugehen und auch dann verflogen meine Zweifel.

 

In dem Alter begann ich auch, mich noch tiefer mit meinem Glauben auseinanderzusetzen. Schließlich musste ich denen antworten, die mir ständig irgendwelche "islamischen" Gräueltaten vorwarfen. In dieser Zeit festigte sich meine Überzeugung für das Kopftuch noch viel mehr. Ich hinterfragte Gesellschaftsstrukturen noch stärker und meine feministische Ader wuchs. Aber sie wuchs nicht á la Schwarzer sondern á la Khadija. Ich erkannte auch, dass ich mich nicht zu allem äußern muss. Und dass ich auch sagen kann: hey, damit habe ich nichts zu tun. Das hat mich selbstbewusster gemacht. Und das verdanke ich nicht zuletzt meinem Kopftuch

Ich habe für mich vor Jahren einen Weg gefunden, der mich spirituell und intellektuell erfüllt. Und ich habe mich immer wieder aufs Neue für meinen Glauben entschieden. Mit dieser Entwicklung bin ich nicht alleine. Viele Frauen entscheiden sich bewusst und jeden Tag dazu, ihren Glauben auszuleben. Und dazu gehört bei einem großen Teil eben auch, ein Kopftuch aufzusetzen. Sie tragen es, auch wenn sie fünf mal so viele Bewerbungen schreiben müssen. Und auch wenn sie aufgrund der Kopfbedeckung keine Arbeit finden. Weil das Kopftuch für sie ihr Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmung ist.

Heute ist Weltfrauentag. Es ist der Tag, an dem die Rechte der Frauen gefeiert werden. Vielleicht können wir diesen Tag als Motivation nehmen, Frauen im 21. Jahrhundert nicht mehr das Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen. Vielleicht können wir der Debatte um das Kopftuch ein Gesicht geben. Es sind keine unterdrückten, hilfsbedürftigen Frauen in Deutschland, die befreit werden müssen. Wir sind Frauen, die sich aktiv und bewusst dafür entschieden haben, ein Kopftuch zu tragen. Und wir möchten, dass auch unsere Entscheidung respektiert wird.

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Kommentare: 2
  • #1

    Maryam (Dienstag, 08 Oktober 2019 12:53)

    „meine feministische Ader wuchs. Aber sie wuchs nicht á la Schwarzer sondern á la Khadija. Ich erkannte auch, dass ich mich nicht zu allem äußern muss. Und dass ich auch sagen kann: hey, damit habe ich nichts zu tun. Das hat mich selbstbewusster gemacht. Und das verdanke ich nicht zuletzt meinem Kopftuch.“
    Wooow so schön geschrieben ��� alles gesagt was zu diesem Thema gesagt werden musste! ��

  • #2

    Aie (Dienstag, 08 Oktober 2019 13:00)

    Liebe Maryam, vielen vielen Dank für deinen lieben Kommentar! Es freut mich sehr, dass dir der Artikel gefällt :)