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Das Privileg zero waste

Werbung: Alle hier genannten Personen und Unternehmen wurden ohne Auftrag erwähnt.

Das Thema Umweltschutz ist spätestens seit den Freitagsdemonstrationen in aller Munde. Neben Klimawandel, Tierschutz und CO2-Belastung wird vor allem der Plastikverbrauch kritisiert. Und das berechtigt. Denn allein jeder Deutsche produziert etwa 25 kg Plastikmüll pro Jahr. Bei einem Haushalt mit 4 Personen entspräche das 100 kg Plastik [1]. Bedenkt man, dass solche Verpackungen im Grunde kaum Gewicht haben, sind die Unmengen an Müll kaum vorstellbar.

Um dieses Problem zu lösen, entscheiden sich immer mehr Menschen für ein Leben im zero waste Stil. Zero waste, zu Deutsch „null Müll“ ist eine Lebensweise, in der der gesamte Müllverbrauch auf ein kaum greifbares Minimum reduziert wird. Um das Ziel von müllfreiem Leben zu erreichen, verändern Vertreter der zero waste Philosophie ihr gesamtes Konsumverhalten. Sie kaufen nur selten in großen Supermärkten ein. Wenn sie das tun, greifen sie auf Produkte im Glas zurück. Käse oder Fleisch werden an der Theke gekauft und in eine mitgebrachte Metalldose gefüllt. Für Gemüse und Brot werden Baumwollnetze verwendet. Was sich hier wie eine leichte Umstrukturierung anhört, ist ein immenser Aufwand. Denn nicht alle Produkte findet man einfach unverpackt im Supermarkt. Oftmals müssen Einkäufe in Unverpacktläden getätigt werden, wo es auch Nudeln, Reis und Müsli in großen Behältern zum Selbstabfüllen gibt. Allerdings produzieren wir nicht nur mit unseren Lebensmitteln einen großen Anteil an Verpackungsmüll. Auch Reinigungsmittel und Pflegeprodukte sind zum großen Teil in Plastik verpackt. Zahnpastatuben, Zahnbürsten, Duschgels und Make-up-Behälter sind hier als wenige Beispiele zu erwähnen.

Image by Monfocus from Pixabay
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Ihr seht, zero waste ist nicht unbedingt einfach. Hinzu kommt, dass man automatisch auf eine Vielzahl seiner Lieblingsprodukte wie Joghurts und Müsliriegel verzichten muss. Das heißt, dass oftmals keine plastikfreien Alternativen existieren und diese dann notfalls selbst hergestellt werden müssen. Aber all das sollte uns nicht daran hindern, unseren Konsum zu überdenken. Ein erhöhtes Bewusstsein beim Umgang mit Plastikmüll ist nicht nur wichtig, sondern langfristig unsere einzige Option. Denn jedes bisschen Plastik, das wir produzieren, landet potentiell im Meer. Wir müssen daher unseren Verbrauch einschränken und irgendwann sicherlich auch komplett einstellen. Und wenn man ehrlich ist, muss nicht jedes Lebensmittel einzeln verpackt werden. Vieles ist reine Bequemlichkeit, Gewohnheit oder sogar unverständlich. Wie zum Beispiel die in Plastik geschweißte Bio Gurke. Zero waste oder low waste (wenig Müll) sind also eigentlich unsere einzige Möglichkeit als Endverbraucher etwas gegen den Verpackungsmüll zu unternehmen. Und so wichtig und richtig das auch ist, ich weiß auch, dass dieser Lebensstil ein Privileg ist.

Nicht viele Menschen können sich eine solche Lebensumstellung leisten. Weder zeitlich noch finanziell. Denn eins ist mit Sicherheit klar: Zero waste ist teuer. Wer im Unverpacktladen einkauft, der bezahlt auch mehr. Im Supermarkt sieht die Situation ähnlich aus. An der Käsetheke kostet der Käse mitunter das Doppelte und auch für den Joghurt im Glas muss draufgezahlt werden. Während man als Einzelperson durchaus in der Lage ist, seine Prioritäten anders zu setzen und mal eine Woche keine Wurst zu essen, kann eine vierköpfige Familie diese Entscheidung nicht ohne weiteres treffen. Hier spielen noch andere Faktoren eine Rolle. Ist die Familie beispielsweise auf Sozialhilfe angewiesen, kann sie nicht im Unverpacktladen einkaufen, geschweige denn das Bio Fleisch an der Theke kaufen. Sind wir ganz ehrlich, können diese Familien wahrscheinlich nicht einmal zum Supermarkt und müssen im Discounter einkaufen gehen. Und dort gibt es keine Theken.

 

 

Aber zero waste ist nicht nur ein finanzielles Privileg. Es ist auch ein soziales. Denn nicht alle Menschen haben das Privileg, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es möchten. Auch wenn eine Familie finanziell in der Lage sein sollte, ihre Lebensmittel verpackungsfrei zu kaufen, hat sie noch nicht alle Hürden gemeistert. Zero waste bedeutet auch, dass der spontane Coffee-to-go ausfällt, dass Müsliriegel bekannter Hersteller wegfallen und auch, dass man nicht mal eben so unterwegs etwas Verpacktes kaufen kann. Das ist beispielsweise für berufstätige Frauen, die dazu noch alleinerziehend sind, eine Zumutung. Auch bedeutet ein zero waste Einkauf gute und vorausschauende Planung. Denn wer verpackungsfrei einkaufen gehen möchte, muss seine Behälter selbst mitbringen. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Unverpacktläden nicht an jeder Ecke zu finden sind. Wir sehen also, es kann bereits an grundlegenden Dingen scheitern. Aber bedeutet das automatisch, dass Umweltschutz oder geringer Plastikverbrauch nur den privilegierten Menschen zusteht?

Image by FitNishMedia from Pixabay
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Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, dann wäre die Antwort: Ja, das ist es. Umweltschutz, geringer Plastikverbrauch und damit auch ein erhöhtes Umweltbewusstsein stehen momentan nur den privilegierten Menschen zu. So traurig oder ungerecht es auch klingen mag, es ist leider so. Denn selbst die Paprika beim Discounter ist günstiger, wenn die Dreierpackung in Plastik genommen wird, statt die einzeln abgewogenen. Alles Unverpackte kostet überall mehr. Heißt es, dass diese Menschen von jeglichem Urteil befreit sind? Auch hier lautet die Antwort: Ja, das sind sie.

Menschen, die sich einen anderen Lebensstil nicht leisten können, können nicht dafür belangt werden, Verpackungsmüll zu produzieren. Sie sind nicht in der Pflicht, ihr Leben anzupassen. Auch die Anforderung, Prioritäten anders zu setzen, funktioniert nicht. Die meisten Menschen, die zur unteren Mittelschicht gehören, gehen ganz selten essen, verreisen so gut wie nie und sparen schon mehr als genug. Sie aufzufordern, kein Fleisch zu essen und dafür mehr unverpacktes Obst zu kaufen wäre äußerst ungerecht. Aber gleichzeitig heißt das nicht, dass im Umkehrschluss alle privilegierten Menschen zero waste leben müssen. Denn auch das ist absolut utopisch. Um unseren Planeten zu retten brauchen wir keine Tausenden von perfekten mülllosen Menschen. Wir brauchen Hunderttausende von unperfekt mülllosen Menschen. Der Anspruch, dass nur frei von Verpackungsmüll gut genug für die Umwelt ist, ist völlig überzogen. Nicht allein nur, weil dieses „label“ zero waste die Menschen unheimlich abschreckt, sondern auch weil es gar nicht notwendig wäre, so zu leben. Man bräuchte lediglich mehr bewussten Umgang mit Verpackungsmüll. Und das für alle Bürger.

Wir haben mit Sicherheit ein großes Müllproblem. Unser „bequemes“ Leben ist auch ein müllhaltiges Leben. Denn der Coffee-to-go Becher ist bequemer, als das Mitschleppen eines Thermobechers (nur für den Fall). Es ist auch bequemer, den gerupften, gewaschenen Salat in der Tüte zu kaufen, als den Salatkopf aus der Gemüseabteilung. Und vor allem die zubereiteten Mahlzeiten, die nur noch in die Mikrowelle geschoben werden müssen, nehmen eine Unmenge an Arbeit ab. Nicht jeder hat die Zeit oder die Muse, zu kochen. Aber diese Bequemlichkeit kostet uns auch den Planeten. Was kann man also stattdessen tun?

Unser Problem ist nicht, dass wir Müll produzieren, sondern dass wir den falschen Müll produzieren. Das mag anfangs irritierend klingen, denn Müll ist grundsätzlich nicht erstrebenswert. Aber viel wichtiger ist, dass Umweltschutz in erster Linie für jeden möglich sein muss. Jeder Mensch, egal ob arm oder reich, umweltbewusst oder nicht, reflektiert oder nicht, muss in der Lage sein, unseren Planeten nicht zu vermüllen. Und das wird nicht durch Aufklärung allein funktionieren, wie bereits erläutert wurde. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass es Menschen gibt, die sich einfach nicht für Umweltschutz interessieren. Auch wenn sie reich sind, werden sie ihr Leben nicht umstellen. Ihnen fehlt einfach das moralische Pflichtgefühl. Aber auch sie sollten, unabhängig ihrer geistigen Entwicklung, in der Lage sein, umweltbewusst zu leben. Wissentlich oder nicht.

 

 

 

Wir können nur dann weniger Verpackungsmüll gewährleisten, wenn wir diesen gar nicht erst anbieten. Endverbraucher sollten gar nicht erst die Möglichkeit haben, so viel Müll zu prouzieren. Deswegen brauchen wir Produkte, die nicht unnötig in Plastik verpackt sind. Gefrorene Lebensmittel beispielsweise müssen nicht erst in Plastik und dann in Pappschachteln verpackt werden. Coffee-to-go Becher sollten alle wiederverwendbar sein und einen Pfandbetrag haben. Bestimmte Produkte sollten gänzlich verboten werden. Niemand braucht geschälte Eier in Plastik, geschweige denn Paprika in Plastiktüten. Es sollten Jutenetze in allen Supermärkten und Discountern ausgelegt werden, die entweder gekauft oder gegen Pfand genutzt werden können. Müsli, Reis und Nudeln sollten auch im Supermarkt als unverpackte Option erhältlich sein. Es gibt viele Möglichkeiten, die breite Masse an Menschen zu erreichen. Ein guter Ansatz ist bereits der EU weite Verbot von Plastikstrohhalmen, -besteck und -tellern. Hier wird dem Endverbraucher gar nicht erst die Möglichkeit gegeben, umweltbelastend zu handeln. Und diese Herangehensweise muss auf das gesamte Leben übertragen werden.

Ich möchte noch einmal betonen, dass ich nicht gegen den zero waste Lebensstil bin oder ihn für unmöglich halte. Ganz im Gegenteil. Ich selbst strebe es auch an, möglichst wenig Verpackungsmüll zu produzieren, selbst wenn ich von der perfekten Umsetzung noch meilenweit entfernt bin. Trotzdem sage ich ehrlich, dass zero waste nicht die Lösung unseres Problems ist. Wenn wir unseren Plastikverbrauch reduzieren wollen, müssen alle Menschen in der Lage sein, dies zu tun. Eine Handvoll zero waste Haushalte ist zwar super und hilfreich, wird aber die Problematik nicht lösen. Und leider werden es immer eine Handvoll Haushalte bleiben. Denn die Umstellung ist nicht leicht, erfordert ein hohes Maß an Selbstdisziplin und ein moralisches Pflichtgefühl. Wollen wir wirklich weniger Plastikmüll, brauchen wir mehr als wenige hunderte von zero waste Haushalten. Wir brauchen zero waste Politik.

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