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Zwischen Psychoterror und Selbstzweifel- wenn Nationalität zur Priorität wird

Photo by Suad Kamardeen on Unsplash
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Ich würde es wahrscheinlich nicht glauben, wenn es mir nicht selbst passiert wäre. Und ich würde es wohl auch für einen Einzelfall halten, wenn mir nicht immer wieder von anderen darüber berichtet werden würde.

Ich rede von (bi)-nationalen Ehen. Oder eher dem struggle, dem Leid und dem Schmerz derjenigen, die sich für solch eine Partnerschaft entscheiden.

Heute geht es um die Frauen, die als gebürtige Araberinnen, gebürtige Türkinnen oder gebürtige was-auch-immer, einen nicht gebürtigen Araber, einen nicht gebürtigen Türken oder einen nicht gebürtigen was-auch-immer heiraten wollen. Und diese „Nationalitäten“ nenne ich nicht, weil sie übermäßig Leid verursachen, sondern weil es die ersten beiden sind, die mir eingefallen sind. Das hier betrifft auch all jene, die iranische, afghanische, marokkanische, kroatische, serbische, albanische, algerische, italienische, spanische, kurdische, usw. usf. Wurzeln haben. Denn in diesem Text geht es nicht darum, aus welchem Land man ursprünglich kommt oder welche Kultur man hat(te). Es geht darum, dass immer mehr Menschen sich in jemanden verlieben, der eben nicht aus ihrer ursprünglichen Kultur oder Nationalität stammt.

Und damit wären wir schon beim fatalen Fehler, den die Kinder für einige Eltern begehen. Es zu wagen, sich in eine andere „Nationalität“ zu verlieben. Ich will das Problem nicht auf muslimische Kreise beschränken, denn diese Problematik findet sich überall auf der Welt. Auch hier in Deutschland gibt es solche Fälle, auch bei atheistischen Familien. Sie müssen lediglich nationalistisches Gedankengut haben. Aber da sich meine Empörung als Muslimin vor allem an muslimische Familien richtet, oder jene, die von sich behaupten, solche zu sein, werde ich hauptsächlich auf diese Gesellschaft eingehen.

Es ist eigentlich mit Worten gar nicht zu beschreiben, wie falsch und unterdrückerisch ein Großteil so genannter muslimischer Familien handelt. Wenn ich erzählen würde, wie viele Nachrichten und Erfahrungen mir zukommen, von Frauen, die tagtäglich durch die Hölle gehen, würde mir wahrscheinlich keiner glauben. Und doch ist es wahr. Ihr einziges Vergehen- sie lieben jemanden, mit anderem nationalen Ursprung.

And that’s basically it. Verrückt, oder? Von der eigenen Familie terrorisiert, von der Familie des Partners abgelehnt, von muslimischen Gelehrten im Stich gelassen. Und warum? Weil man es gewagt hat, in Deutschland, einem Land mit über 27 Herkunftsnationalitäten, jemanden zu lieben, der eben nicht zu dieser einen einzigen Herkunftsnationalität der Eltern gehört. Das hört sich absurd an. Aber es passiert, jeden Tag. Muslimische Frauen verlieben sich in muslimische Männer. Geht man nach allen Regeln der Vernunft und des Glaubens, so spräche nichts auf dieser irdischen Welt dagegen, diesen zwei Menschen ein glückliches Leben miteinander zu wünschen. Aber: die Eltern sehen das natürlich anders.

Prinzipiell fordern sogar einige Familien von ihren Töchtern, einen Mann zu heiraten, der am besten aus dem einen einzigen Dorf aus dem Ursprungsland stammt, aus dem man selbst kommt. Das heißt, mit anderen Worten, der eigenen Tochter bleiben zwei Optionen. Entweder sie findet diesen Partner auf mystische Art und Weise hier, oder weil sie bspw. zurück zur Heimat ihrer Eltern zieht oder den Mann von dort nach Deutschland bringt oder sie bleibt für immer single. Die dritte Möglichkeit gäbe es auch, nämlich den Eltern Lebwohl zu sagen und das zu tun, was man für richtig hält. Aber vielen Frauen bietet sich diese Option überhaupt nicht. Sei es durch Unwissenheit über die islamischen Regeln oder eben aufgrund des psychischen Drucks, dem sie nicht gewachsen sind.

Rosige Aussichten, die die muslimischen Frauen erwarten. Dabei ist das erst das Anfangskriterium, das an die Tochter gestellt wird. Der Bräutigam muss nicht nur aus dem eigenen Ursprungsland kommen, nein, er muss gutes Geld verdienen. Ihr am besten ein Haus finanzieren können, eine Hochzeit mit open-end Budget und eigentlich der ganzen Familie den Hof machen. Abgesehen davon, dass diese Forderungen allesamt unislamisch sind und gegen jedes Gebot muslimischen Glaubens verstoßen, kommt noch die Schwierigkeit: Wo finde ich diesen Menschen und wenn ich ihn gefunden habe, werde ich ihn dann lieben?

Photo by kilarov zaneit on Unsplash
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Denn seien wir doch einmal ehrlich. Sind Frauen, die hier in Deutschland sozialisiert worden sind, wirklich auf der Suche, nach dem Vorzeige-Libanesen aus dem Dorf der Eltern? Oder sind hier geborene und aufgewachsene Frauen wirklich darauf versessen, den kurdischen Cousin aus dem Norden des Iraks zu heiraten? Wohl kaum. Denn in den meisten Fällen werden die Interessen so weit auseinander gehen, dass eine harmonische Zukunft gar nicht denkbar sein würde. Und falls man selbst eben doch den Wunsch verspürt, jemanden aus dem eigenen Herkunftsland zu heiraten, dann ergibt sich die Heiratsproblematik bezüglich Finanzen und co. Ein niemals endender Alptraum. Aber was bleibt den Frauen denn anderes übrig? Auf ewig single und unglücklich bleiben? Jemanden heiraten, den sie nicht lieben und möglicherweise doch glücklich werden? Aber immerhin wäre die Familie mit einem zufrieden. Das ist doch das wichtigste, oder? Mir fehlen dazu jedes Mal die Worte. Was diesen Frauen angetan wird, ist wirklich schrecklich.

Und ich betone hier die Frauen um ein ganzes Stück, denn in den allermeisten Fällen sind sie die Opfer dieser abscheulichen Erwartungen. Zusätzlich zu all den frauenverachtenden Traditionen, kommt nämlich ein wichtiges islamisches Gebot, das viele missbrauchen. In erster Linie unterliegt die Heirat der Frau nämlich der Erlaubnis ihres Vaters. Das heißt, um islamisch zu heiraten, benötigt sie seine Zustimmung. Aber dazu später mehr. Männer wiederum benötigen diese Erlaubnis nicht. Das heißt, auch wenn die Eltern gegen die Heirat des Sohnes wären, könnte er einfach gehen und heiraten. Es wäre sein islamisch anerkanntes und gutes Recht. Und gesellschaftlich wäre das leider bei weitem eher zu akzeptieren, als wenn die Tochter das täte.

Hinzu kommt, dass leider in vielen Familien noch immer die Traditionen der vorislamischen, barbarischen und frauenverachtenden Zeit herrschen. Das bedeutet, dass die eigenen Söhne in jeglicher Hinsicht immer wertvoller, behüteter und wichtiger sind, als die Töchter. Und das bedeutet wiederum, dass sie mehr Freiheiten und mehr Toleranz seitens der Eltern zugestanden bekommen. Jede von uns wird den berechtigten Vorwurf der Gesellschaft kennen: Warum dürfen die Männer bis nachts in Shisha Cafés chillen und Frauen müssen nach der Schule/Uni zuhause bleiben? So sehr mich diese falschen Traditionen zur Weißglut treiben, so traurig machen sie mich auch. Denn die Konsequenz daraus ist: Der Sohn bekommt meist, was er möchte und die Tochter ginge in einer ähnlichen Situation leer aus. Nichtsdestotrotz möchte ich hier auch erwähnen, dass sehr viele Männer unter den nationalistischen Einflüssen ihrer Eltern leiden. Denn auch wenn es quasi ihr islamisches Recht wäre, ohne ihre Erlaubnis zu heiraten, so ist der Schritt, die Familie zu verlassen und zu gehen, immer noch sehr groß und ungewiss. Und viele scheitern auch an ihm. Der nationalistische Druck der Familien ist einfach enorm.

Wird meine Familie mich verstoßen? Werde ich je glücklich werden? Wie kann ich das meiner Familie bloß antun? Das und viele, viele weitere Fragen gehen ihnen durch den Kopf. Männern wie Frauen. Aber die Frauen trifft es noch viel schlimmer. Haben sie sich tatsächlich in jemanden verliebt, dessen Nationalität nicht die der elterlichen Vorstellungen entspricht, beginnt ein Höllenritt für sie. Wenn sie stark genug sind, dem psychischen Terror, dem Druck und den Drohungen der Familie stand zu halten, zerbrechen sie meistens an ihren ungehörten Hilferufen. Langsam, aber sicher werden sie verschlungen von den Machenschaften ihrer Eltern. Um das ganze anschaulicher zu gestalten, falls ihr nicht selbst schon betroffen seid, erzähle ich euch ein paar Beispiele, die mir andere Frauen zugetragen haben.

Eine Freundin berichtete, dass ihre Mutter ihre ganzen Freundinnen und Bezugspersonen anrief, mit ihnen Gespräche führte und sie davon zu überzeugen versuchte, dass ihre Tochter nicht bei Sinnen ist. Ihre Tochter sei gehirngewaschen, von dem Mann, den sie heiraten wollte. Wie konnte sie es wagen, sich in einen deutschen zu verlieben? Sie entriss ihrer Tochter Tag für Tag den seelischen Beistand, den sie so sehr brauchte. Ihr Ziel? Alle Menschen auf ihre Seite zu ziehen, sodass ihre Tochter jeglichen Beistand und damit auch den Glauben an sich selbst verliert. Ein langsamer und schrecklicher Prozess voller Vorwürfe, Schreien nach Liebe und Selbstzweifel.

Eine mir völlig unbekannte Frau schrieb mir eine Email, in der sie erzählte, wie schlecht es ihr ging. Sie ging auf dreißig zu und wollte eigentlich längst heiraten. Doch ihre Eltern erlaubten es ihr nicht. Jedes Mal, wenn jemand um ihre Hand anhalten würde, würden ihre Eltern ablehnen. Sie fanden immer einen Grund, nein zu sagen. Hinzu droschen sie verbal auf ihre Tochter ein. Warum sie denn unbedingt heiraten wollen würde? Ob sie nicht auch alleine glücklich sein könne? Sie wäre ja sowieso wertlos und nicht reif genug. Irgendwann würden sie ihr den richtigen Mann schon aussuchen. Hier sehen wir, wie die Eltern ihre Tochter völlig unmündig machen. Eine Frau, die fast dreißig aber dennoch verunsichert ist und nicht in der Lage dazu ist, sich dem Willen ihrer Eltern zu entziehen. Wie kann sie jemals eine gute Partnerschaft führen? Sie wird psychisch ausgebeutet.

Eine ehemalige Freundin erzählte mir damals, dass sie sich in einen Albaner verliebt hatte. Sie passten sehr gut zusammen, alles war perfekt. Aber ihre Eltern haben sie unter Druck gesetzt. Das würden sie nicht akzeptieren. Sie könne ja noch warten, ein Albaner wäre wirklich sehr schlimm für sie als Familie. Und sie als einzige Tochter, das würde ihnen das Herz brechen. Ihre Eltern haben emotional Einfluss genommen. Sie haben das gute Verhältnis zu ihrer Tochter missbraucht, um ihre rassistischen Vorstellungen durchzuwinken. Sie hat ihren Eltern zuliebe die Beziehung beendet. Ich weiß, dass sie diese Entscheidung bis heute bereut.

Ich könnte ellenlang Beispiele anführen. Ich habe sogar bewusst einige gelöscht, nachdem ich sie aufgeschrieben hatte. Denn am Ende sagen alle Geschichten nur das Gleiche aus. Eine Frau muss, laut Ansicht vieler (muslimischer) Familien, einen Mann heiraten, der aus dem gleichen Ursprungsland kommt, wie sie selbst. Und er muss den Vorstellungen der Eltern entsprechen und nicht den Bedürfnissen der Tochter. Schließlich wolle man mit seinem Schwiegersohn prahlen. Wenn die Tochter nicht tut, wie verlangt, dann wird sie so lange psychisch misshandelt, bis sie sich fügt. Halleluja.

Es ist ein Unding, dass Menschen, die hier in Deutschland leben, einem Land, in dem jeder vierte einen Migrationshintergrund hat, von ihren Kindern erwarten, einen Partner aus dem eigenen Ursprungsland zu heiraten. Sie selbst sind in ein anderes Land ausgewandert. Sie selbst leben in einem Land, dessen Mehrheitsgesellschaft nicht ihrer Herkunft entsprechen. Und trotzdem fordern sie, dass die Tochter jemanden aus der eigenen Herkunft heiratet. Aus welchem Grund?

Photo by Markus Spiske on Unsplash
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Nicht nur, dass diese Erwartung völlig unrealistisch ist, sie ist absolut unislamisch. Wie ich am Anfang sagte, betrifft diese Problematik nicht nur muslimische Familien. Diese Denkweise zieht sich durch alle Schichten der Gesellschaft, durch jede Glaubens- und Unglaubensgruppe hindurch. Denn es gibt nur eine einzige Basis, auf der diese Engstirnigkeit basiert. Nationalismus.

Nationalismus ist ein Problem, das ganze Länder spaltet. Es ist aber umso verwerflicher, wenn eine Gruppe von Menschen, die im Ausland am meisten unter dem Nationalismus anderer leidet, diesen selbst bei der eigenen Familie anwendet. Wie kann eine Familie sich muslimisch nennen und ihre Töchter so sehr quälen, wenn der Prophet s. selbst sagte: es gibt keinen Unterschied zwischen einem Araber und einem Nicht-Araber, außer in der Gottesfurcht.“? Wenn selbst der Prophet s., das höchste Vorbild für die Muslime schon vor über 1400 Jahren postulierte, dass nationalistisches Denken verwerflich und falsch sei. Wie kann man denken, islamisch richtig zu handeln, wenn selbst im Koran steht, dass die Menschen in Völker erschaffen wurden, um sich gegenseitig kennenzulernen?

„O ihr Menschen, Wir haben euch ja von einem männlichen und einem weiblichen Wesen erschaffen, und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Gewiss, der Geehrteste von euch bei Allah ist der Gottesfürchtigste von euch. Gewiss, Allah ist Allwissend und Allkundig.“

Sure 49, Vers 13

Die Menschen leugnen ihren eigenen Glauben, wenn sie ihren Kindern diese Art von Ungerechtigkeit antun. Und das allerschlimmste daran ist, dass sie es mit der Religion begründen. Eine Tochter bzw. ein Sohn hat gehorsam gegenüber den Eltern zu sein. Gottes Zufriedenheit hängt mit der Zufriedenheit der Eltern zusammen. Diese Eltern sperren ihre Kinder in ein Gefängnis aus Zwängen, Ängsten und Zweifel. Sie sorgen nicht nur dafür, dass sie psychisch krank werden, sondern sogar den Islam als Religion ablehnen. Und das, weil sie ihr rassistisches Gedankengut als Religion verkaufen. Aber was bringt es, hier an die Vernunft der Eltern zu appellieren und sie zu maßregeln? Sie lesen diesen Blog nicht. Es ist auch kein Appell an die Gelehrten, denn sie kennen diese Problematik und unternehmen in den meisten Fällen doch nichts. Was möchte ich also mit diesem Text erreichen?

In erster Linie geht es mir hier um Aufklärung. Aufklärung darüber, dass dieses Problem existiert und das hunderte, wenn nicht gar tausende von Frauen darunter leiden. Und es ist eine Nachricht an alle Betroffenen. Sie sollen wissen, dass sie nicht allein sind. In zweiter Linie und hauptsächlich geht es mir um Empowerment. Denn anders als die Familie es suggeriert, anders, als die Gesellschaft es den Frauen weiß machen will: ihnen sind nicht die Hände gebunden. Sie müssen nicht aufgrund rassistischer Denkweisen oder veralteter Traditionen auf ihr gutes, gottgegebenes Recht verzichten. Es gibt für alles Mittel und Wege. Jedes Problem kann gelöst werden. Man muss nur wissen, wie.

Viele lassen ihre Frauen und Töchter mit Absicht in Unwissenheit. Denn Wissen ist Macht und Frauen sollen nach den patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen gehend, möglichst unwissend bleiben. Das möchte ich ändern. Ich möchte, dass jede Frau weiß, dass sie eine Wahl hat. Und dass es Möglichkeiten gibt, die ihr vorenthalten wurden.

Jede Frau soll wissen: Es gab viele Frauen vor euch, die es geschafft haben. Es gibt viele Frauen, die gerade jetzt, in diesem Augenblick, diesen Kampf kämpfen. Und es wird auch noch jahrelang Frauen geben, denen dieser Kampf bevorsteht. Aber gemeinsam können wir das ändern. Deswegen möchte ich euch im nächsten Beitrag nochmal genau schildern, warum ihr euch nicht von solchen veralteten Denkweisen unterkriegen lassen solltet. Und warum und wie das (islamische) Recht auf eurer Seite ist.

Wenn ihr konkrete Situationen habt, dann schreibt sie mir gerne als Nachricht. Ich weiß, dass es momentan nicht leicht ist. Aber am Ende eines jeden Tunnels gibt es ein Licht.

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