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Feministische Muslim*innen – Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum Feminismus

Photo by Allie Smith on Unsplash
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Unter den Muslim*innen bezeichnen sich einige als Feminist*innen. Dabei stoßen sie oft auf fragende Gesichter oder sogar Ablehnung. Während Feminist*innen á la Alice Schwarzer ihnen jegliche frauenrechtliche Absichten absprechen, werden sie von Muslim*innen kritisch beäugt. Sie werden als Erneurer der Religion, Religionskritiker*innen oder sogar als verwestlichte/ liberalisierte Muslime bezeichnet. Aber warum ist das so und was hat es mit sogenannten muslimischen Feminist*innen auf sich?

Wenn Menschen über Feminismus sprechen, meinen sie selten ein und dasselbe. Für diesen Begriff gibt es wahrscheinlich genauso viele Interpretationen, wie Aktivist*innen selbst. Die einen deuten ihn als Freiheitsbewegung für die Frau, andere sehen darin den Kampf gegen die Ungerechtigkeit. Wahrscheinlich zeichnet sich der Feminismus durch seine verschiedenen Interpretationen auch aus. Denn es gibt nur selten eine absolute Definition für eine solche Bewegung. Dennoch können dem Feminismus drei grundlegende Ansprüche zugeteilt werden, die von nahezu allen Feminist*innen erhoben werden: die Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit von Mann und Frau in privaten wie rechtlichen Angelegenheiten. Dies ist sozusagen das Fundament der feministischen Bewegung. Um Missverständnisse zu vermeiden, bezieht sich dieser Text hier in der Verwendung des Begriffes Feminismus auf die Definition im Duden. Diese lautet wie folgt:

 

Feminismus: Richtung der Frauenbewegung, die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen (z. B. der traditionellen Rollenverteilung) und der patriarchalischen Kultur anstrebt.

 

In erster Linie ist der Feminismus also eine Bewegung, die eine gesellschaftliche Normenveränderung zugunsten der Frauen anstrebt. Wie diese Veränderung oder Umstrukturierung aussieht, wird dabei hauptsächlich von den Akteur*innen selbst bestimmt. Die Interpretationen und Praxen können dabei stark variieren. Aus diesem Grund ist auch der Feminismusbegriff stark umstritten und wird oft negativ konnotiert. Ausdrücke wie „Kampf-Lesbe“ und „Emanze“ prägen das gesellschaftliche Verständnis und sorgen dafür, dass immer mehr Frauen die Bewegung als solche ablehnen. Als Feministin sei eine Frau biestig, stürze sich in jede Diskussion und hasse per se alle Männer. Diese Stigmatisierung schreckt viele junge Frauen ab, sich für Frauenrechte einzusetzen. Dabei zeigen eben solche Erfahrungen und Bezeichnungen umso stärker, wie notwendig Feminismus heute noch ist. Denn diese Abwertung wird vor allem seitens der Männer verwendet, da Feminist*innen nicht ihrem Idealbild von Frau entsprechen. Es ist auch unumstritten, dass gesellschaftliche Missstände wie das Verdienstverhältnis zwischen Männern und Frauen, Schönheitsideale oder fehlende Gleichberechtigung unter anderem auch auf fehlendem Feminismusverständnis zurückzuführen sind.

 

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Die hier angesprochenen gesellschaftlichen Probleme beschränken sich nicht auf die westliche Zivilisation, sondern finden sich auch in abgeschwächter oder verstärkter Form in den muslimischen Communities wieder. Beispielsweise leiden viele Frauen aus muslimischen Kreisen darunter, dass ihnen die Bildung verwehrt wird oder sie nicht arbeiten gehen dürfen. In den eigenen Familien kommt es auch vor, dass sie als minderwertig oder nicht gleichberechtigt angesehen werden. Sie haben etliche gesellschaftlich-traditionelle Erwartungen zu erfüllen. Trotzdem wird auch in den muslimischen Communities der Feminismus kritisch betrachtet. Das hat zahlreiche Gründe die im weiteren Verlauf angerissen und in zukünftigen Artikeln näher behandelt werden sollen.

Ein großer Misstand z. B. besteht darin, dass muslimische Frauen lange Zeit ihre ungerechte Situation akzeptiert und für Gottgewollt hingenommen haben. Auch heute noch gibt es etliche Fälle, denn so wurde es ihnen beigebracht. Wenn sie kritische Fragen stellten, wurden sie mit der theologischen Keule mundtot gemacht. Doch was damals verschwiegen wurde und heute noch in vielen Orten der Welt verschwiegen wird, ist, dass diese frauenunterdrückerische, patriarchalische Gesellschaftsstruktur keine islamisch-theologische Grundlage hat, sondern der vorislamischen Tradition entspricht. In anderen Worten: Frauen wurde und wird noch heute suggeriert, dass die Unterdrückung, die sie erleben, keine echte Unterdrückung ist. Und, dass diese Erwartungen, Pflichten und mangelnden Rechte durch Gott beschlossen wurden. Dementsprechend haben sie auch vermeintlich eine existentielle Berechtigung.

Doch dem ist nicht so, behaupten muslimische Feminist*innen. Frauen, die eben genau diese Problematik erkennen, benennen und kritisieren, nennen sich meistens muslimische Feministinnen. Das Ziel ist dabei nicht, die Religion zu erneuern, sondern auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen. Und, was im ersten Moment merkwürdig klingen mag, „echte“ islamische Regeln wieder in den Vordergrund der gesellschaftlichen Erziehung zu rücken. Denn tatsächlich sind die traditionalistisch geprägten muslimischen Familien sehr weit von den islamischen Geboten entfernt und vermitteln vermehrt traditionalistische und kulturelle Werte. Und diese sind eben durchaus frauenverachtend oder unterdrückerischer Natur. Genau diese Traditionen der vorislamischen Zeit, zu denen unter anderem auch das Lebendigbegraben von neugeborenen Mädchen zählte, wurden durch den Propheten s. stark kritisiert und verboten.

Wenn also heutzutage von islamischem Feminismus gesprochen wird, dann ist es prinzipiell nicht mit den allgemeinen und unterschiedlichen Interpretationen des „westlichen Feminismus“ gleichzusetzen. Es entspricht eher der Definition des Dudens mit Ergänzung der religiösen Komponente. Muslimische Feminist*innen sehen „echten Feminismus“ in der islamischen Glaubenslehre verankert.

Es muss aber auch erwähnt werden, dass die negative Konnotation des Feminismus die Ablehnung eines „islamischen Feminismus“ verstärkt. Muslim*innen betrachten das Wort Feminist*in gerade deswegen kritisch, weil es zu Teilen im Widerspruch mit islamischen Lehren steht. Beispielsweise geht es im Islam in nicht um die Gleichmachung von Mann und Frau in ihrem Wesen, sondern um eine Gleichwertigkeit der beiden Geschlechter. Deswegen wird auch der Begriff Gerechtigkeit bevorzugt. Denn islamischer Feminismus ist tatsächlich in erster Linie eine Gerechtigkeits-, keine reine Frauenrechtsbewegung. Außerdem wird oftmals die Umsetzung bzw. die Methodik der feministischen Aktivist*innen im Westen von muslimischen Communities kritisiert. Beispielsweise ist das Entkleiden und Offenlegen der Schambereiche laut islamischem Verständnis eben keine feministische, sondern eine liberalistische Bewegung. Auch aus diesen Gründen wird Feminismus als solcher stark kritisiert.

 

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Es ist also durchaus verständlich, wenn Muslime sich von dem Begriff Feminismus distanzieren. Denn die Interpretation einiger Frauenrechtsbewegungen widersprechen islamischen Glaubenslehren. Anzumerken sei hier jedoch, dass diese ablehnende Haltung nicht bloß in muslimischen Communities vorhanden ist, sondern auch in westlichen Zivilisationen von vielen Frauen eingenommen wird. Hiesigen Frauen geht es nämlich des Öfteren auch nicht um Gleichmachung von Mann und Frau, sondern um die Gleichberechtigung, Gleich-Anerkennung und Gleichwertigkeit, also kurz gesagt, um Gerechtigkeit.

Aus diesem Grund halte ich es für enorm wichtig, sowohl als Frau, als auch als Muslimin, dieses falsche Verständnis vom (islamischen) Feminismus in den (muslimischen) Communities zu verbessern. Frauen müssen ermutigt werden, die Missstände (in den kulturell geprägten Familien) anzusprechen und befähigt werden, ihre eigenen, (gottgegebenen) Rechte zu erkennen. Für mich ist Feminismus keine islamische oder westliche Bewegung, sondern eine Frage der Gerechtigkeit. Deswegen spielt es für mich auch keine Rolle, ob eine Frau Muslimin oder Nicht-Muslimin ist. Trotzdem liegen mir vor allem muslimische Frauen am Herzen, denn ihnen wird seit Jahrzehnten eine patriarchalische Gesellschaftsstruktur aufgezwungen und durch den Glauben gerechtfertigt. Diese Problematik gibt es hier in Deutschland beispielsweise für Nicht-Musliminnen nicht. Ich verwende auch bewusst den Begriff Feminismus und nicht Gerechtigkeit. Zum einen erleichtert es die Einordnung und zum anderen hilft es, sich einheitlich zu vernetzen.

 

Wie seht ihr das? Sollte es einen neuen Begriff für die Feminismusbewegung geben, der sich einheitlicher gestaltet? Oder sollten Muslim*innen vielleicht sogar ihren eigenen Feminismusbegriff definieren? Ich bin auf eure Ideen und Kommentare gespannt!

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