· 

Das Patriarchat steckt im Jungfernhäutchen

Photo by Breakreate on Unsplash (verändert)
Photo by Breakreate on Unsplash (verändert)

Vor einiger Zeit erschien in der Ze.tt ein Artikel über das Konzept der „Jungfräulichkeit“ und warum dieses zu hinterfragen ist. Frau Dr. Gunda Windmüller sprach darüber, dass der Glaube an das Jungfernhäutchen längst überholt sei und dass die Bedeutungsentwicklung des Wortes Jungfrau den Frauen heutzutage schadet. (Artikel hier) Die Analyse von Dr. Windmüller stieß jedoch bei einigen Muslim*innen auf Unverständnis. Die Jungfräulichkeit sei ein schützenswertes und islamisches Gut, das man nicht infrage stellen sollte, äußerten einige Leser*innen. Doch ist das wirklich so?

 

Diese Äußerungen sind prinzipiell verständlich. Denn anhand der Kritik wird erkennbar, dass zwei Konstrukte miteinander verwechselt werden. Während die Muslime über die Jungfräulichkeit sprechen, meinen sie eigentlich das islamische Prinzip der Keuschheit. Warum es zwischen beiden Konzepten einen großen Unterschied gibt und wieso die Jungfräulichkeit kein islamisches Gut, sondern ein patriarchalisches Konstrukt ist, soll in diesem Artikel erklärt werden.

 

Wenn über Jungfräulichkeit gesprochen wird, sind selten Männer gemeint. Man spricht über Frauen, Frauen, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatten. Das ist auch logisch, beinhaltet das Wort Jungfrau doch schon den Begriff „Frau“. Es ist etymologisch eindeutig, dass mit Jungfrau kein Mann gemeint ist. Theoretisch wäre das auch unproblematisch, würde ein männliches Äquivalent dazu existieren. Gäbe es beispielsweise das Wort Jungmann oder die Jungmännlichkeit, würde man vielleicht eher eine Parallele zur islamischen Keuschheit ziehen können. Doch dem ist nicht so. Diese Diskrepanz wirft deswegen eine Frage auf: Wieso existiert dieses Wort nur in Bezug auf Frauen?

 

Soziologisch betrachtet liegt es am Patriarchat, so jedenfalls die Erkenntnis aus dem Ze.tt Artikel. Denn es spielte historisch wohl nie eine Rolle, ob ein Mann enthaltsam in die Ehe ging oder nicht. Man konnte es ja nicht nachweisen. Bei Frauen hingegen schon, so die Annahme. Islamisch gesehen ist ebenfalls das Patriarchat schuld daran, dass es nur den Begriff Jungfrau, nicht allerdings Jungmann gibt. Denn in der islamischen Theologie gibt es diese Unterscheidung Jungfrau und Jungmann begrifflich nicht. Hier spricht man nämlich von „Bikr“. Dieses Wort ist geschlechtslos. Das bedeutet, sowohl ein Mann als auch eine Frau sind „Bikr“, wenn sie noch keinen Geschlechtsverkehr hatten. Es gibt sozusagen keinen Unterschied in den Begrifflichkeiten. Diese einheitliche Verwendung des Wortes „Bikr“ zeigt, dass sowohl Männer als auch Frauen ein enthaltsames voreheliches Leben führen müssen. Dass also das Geschlecht in dieser Regelung keine Rolle spielt. Es gibt das Wort Jungfräulichkeit also überhaupt nicht. Trotzdem wird auch unter Muslimen nur über die weibliche Keuschheit gesprochen. Das liegt aber nicht an den islamischen Regeln für die Enthaltsamkeit, sondern an den patriarchalischen Strukturen, die leider noch aus der vorislamischen Zeit existieren.

 

Im Ze.tt Artikel schreibt Dr. Windmüller, dass die so genannte Jungfräulichkeit auch ein finanzielles Gut war. Frauen konnten vor Gericht ein Kranzgeld einklagen, falls ein Mann mit ihnen geschlafen hatte und sie anschließend nicht heiratete. Also hatte die Jungfräulichkeit einen bestimmten materiellen Wert, den man sich auszahlen lassen konnte. Das bedeutet allerdings auch, dass man diesen Wert verlieren konnte, daher auch die Möglichkeit, diesen Verlust finanziell einzuklagen. Eine Frau hatte als nicht entjungferte Frau einen höheren Wert, als eine bereits entjungferte Frau. Und dieser Wert war materiell messbar, z.B. in Form von Geld. Es ist eindeutig, warum es sich hierbei um ein ungerechtes Konzept handelt. Frauen bekommen einen Wert zugeschrieben, den sie verlieren können. Das heißt, sie verlieren einen Teil ihrer Wertigkeit an einen Mann. Das wiederum bedeutet aber auch, dass ein Mann immer wertvoller ist, als eine Frau, weil er niemals seine Wertigkeit an eine Frau verliert. Sein „Wert“, hier gemeint als Keuschheit, kann er nicht verlieren, da er im alltäglichen Sprachgebrauch gar nicht entjungfert wird. Er kann seine Keuschheit nicht verlieren, weil er sie nicht beweisen kann. Dieses System, die Jungfräulichkeit zu bezahlen, existiert islamisch nicht.

 

Islamisch gesehen gibt es keinen messbaren, materiellen Wert für das keusche Leben einer Frau. Und auch nicht für das eines Mannes. Die Brautgabe, die von manchen möglicherweise als eine solche Auszahlung für die „Jungfräulichkeit“ verstanden werden könnte, hat eine ganz andere Bedeutung. Bei der Brautgabe handelt es sich um eine Art finanzielle Absicherung, nämlich für die Erstausstattung der Wohnung oder für die finanzielle Ermöglichung der Heirat. Außerdem soll davon ebenfalls die Frau bei einer möglichen Trennung einige Zeit über die Runden kommen können. Die Brautgabe als solche ist also keine Bezahlung für eine Jungfräulichkeit. Das wäre nicht nur ungerecht, sondern auch unrealistisch. Denn dafür müsste es einen Nachweis für ein keusches Leben geben. Es gibt diesen Nachweis jedoch nicht. Denn auch das Jungfernhäutchen ist kein Beweis für ein enthaltsames Leben.

Bildquelle: Zett Instagram
Bildquelle: Zett Instagram

Das intakte Jungfernhäutchen oder besser gesagt der Hymen, ist in vielen Kulturkreisen und leider auch noch bei vielen Muslimen ein Beweis für die Jungfräulichkeit. Diese Ansicht ist aus mehreren Gründen höchst problematisch. Denn der Hymen ist anders als angenommen, kein Häutchen, welches den vaginalen Eingang komplett bedeckt. Es handelt sich dabei vielmehr um eine Membran, die kranzförmig um den Eingang liegt. Das heißt, es ist ein Saum, keine Haut, die durchreißt. Die Struktur und das Aussehen des Hymens variieren dabei von Frau zu Frau. Es kann sich um ein perforiertes Häutchen handeln, das den Eingang überdeckt, es kann ring- oder sternförmig sein und nur am Rand des Scheideneingangs sitzen oder sogar nur eine Art Halbmond bilden. Aber nicht nur die Form, sondern auch die Elastizität kann sich unterscheiden. Es gibt viele verschiedene Phänotypen eines Hymens und nur in 0,05% der Fälle, bedeckt er den Scheideneingang völlig. In solch einem Fall muss er sogar chirurgisch entfernt werden, damit die Monatsblutung ablaufen kann. Es ist also keineswegs die Regel und kann deswegen auch nicht als Richtwert genutzt werden.

 

Viele behaupten, der Hymen sei biologisch sinnlos und müsste deswegen dem Zweck dienen, die Jungfräulichkeit nachzuweisen. Aber auch das stimmt nicht, Denn er hat auch einen biologischen Mehrwert, der nichts mit Keuschheit zu tun hat. Bis zur Pubertät sorgt der Hymen dafür, dass Bakterien und andere Keime nicht in die Vagina gelangen. Ab der Pubertät erledigen Milchsäurebakterien diese Schutzfunktion und er wird dann erst nutzlos. Trotzdem unterscheiden sich der Hymen einer jungen Frau von dem eines Mädchens. Vor der Pubertät ist der Hymen straff und fest, später durch das Östrogen (Hormon) weich und elastisch.

 

Der Hymen eignet sich damit überhaupt nicht als Nachweis für die Jungfräulichkeit. Denn er kann verschiedene Formen annehmen, ist elastisch und muss auch nicht durch eine Penetration durchreißen. Es ist von Frau zu Frau und von Hymen zu Hymen unterschiedlich. Während er bei einigen Frauen stark einreißt, ist er bei anderen so elastisch, dass er erst bei der Geburt eines Kindes vollständig reißt. Bei einigen Frauen ist der Hymen dicker, weswegen er beispielsweise bluten kann und bei anderen Frauen ist er so schmal und dünn, dass ein Riss vielleicht gar nicht entsteht oder so klein ist, dass keine Blutung erfolgt. Meist handelt es sich sowieso nur um ganz kleine Bluttropfen, die sich mit der Scheidenflüssigkeit vermischen und dann gar nicht mehr als Blut erkennbar sind. Die Annahme, dass das Reißen des Hymens automatisch eine Blutung im Umfang einer Regelblutung mit sich bringt, ist schlichtweg unrealistisch. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein solches Reißen des Hymens einen derartigen Blutverlust erzeugt, das dieser auf einem Bettlaken zu sehen ist. Dennoch ist auch das nicht unmöglich, auch wenn es eher nicht die Regel ist.

 

Manche behaupten auch, dass der Schmerz beim ersten Geschlechtsverkehr die Jungfräulichkeit nachweisen kann. Auch diese Annahme ist völlig absurd und sehr frauenfeindlich. Die Idee, dass eine Frau Schmerzen beim ersten Mal hat, basiert auf den groben Umgang des Partners und ist nicht anatomisch bedingt. Aus diesem Grund handelt es sich hierbei auch nicht um eine mögliche Kontrolle der Keuschheit.

 

Anhand dieser kurzen Einführung wird deutlich, dass ein einheitlicher Kontrollmechanismus für die Keuschheit einer Frau nicht existiert. Weder der Hymen noch die Blutung eignen sich als Nachweis. Aber das ist nicht der einzige Grund. Da es islamisch gesehen bei der Keuschheit nicht bloß um die Keuschheit der Frau, sondern auch um die des Mannes geht, müsste es für beide Geschlechter eine Art Kontrolle geben. Es ist jedoch offensichtlich, dass dies bei Männern nicht möglich ist. Wie kann es also einen Nachweis für die Keuschheit der Frau geben, aber nicht für die des Mannes, wenn Enthaltsamkeit doch völlig unabhängig vom Geschlecht ist? Wäre nur die Keuschheit der Frau nachweisbar, dann wäre sie ja wertvoller als die des Mannes. Und davon ist islamisch nie die Rede. Basierend auf die Gleichwertigkeit von Mann und Frau, wäre diese Annahme islamisch unlogisch. Das Problem ist jedoch, dass wir anerkennen, dass es für Männer keinen Nachweis gibt. Für Frauen jedoch nicht. Dabei ist es genauso offensichtlich, dass es für Frauen keinen Kontrollmechanismus geben kann.

 

Trotz allem hat die Mehrheit der Muslime das patriarchalische Konstrukt der Jungfräulichkeit als Teil des Islams akzeptiert. Beispielsweise tragen Frauen in der türkischen Tradition am Tag der Hochzeit ein rotes Band um ihr Brautkleid. Dieses rote Band soll die Jungfräulichkeit symbolisieren. Dieses Konstrukt ist absolut frauenfeindlich. Denn warum ist die Keuschheit der Frau ein Wert, der zur Schau gestellt werden muss? Warum muss ein Mann seine Keuschheit nicht symbolisch mit einem roten Tuch demonstrieren, wo doch islamisch gesehen beide Geschlechter keusch leben müssen?

 

Wenn Frauen geschieden sind, haben sie große Schwierigkeiten, einen Ehemann zu finden. Denn in der Kultur werden sie als verbraucht angesehen. Nicht mehr so wertvoll. Oft müssen geschiedene Frauen jahrzehntelang auf einen Partner verzichten, da die Gesellschaft sie für minderwertig hält. Eben weil sie keine Jungfrauen mehr sind. Männer, die sich für die Ehe mit einer bereits geschiedenen Frau entscheiden, werden verschmäht und kritisiert, weil sie sich auf etwas einlassen, was weniger Wert ist. Eine Frau verliert also an Wert, weil sie nicht mehr jungfräulich ist. Ist das mit dem Gleichwertigkeitsprinzip im Islam vereinbar?

 

Ein anderes Beispiel ist das Bettlaken nach der ersten Hochzeitsnacht. Hier wird das Bluten beim ersten Geschlechtsverkehr als Beweis für die Keuschheit der Frau genommen. Frauen müssen dann nach der ersten Hochzeitsnacht das Bettlaken den Schwiegereltern oder dem gesamten Dorf vorlegen, um ihre Ehrbarkeit zu beweisen. Das Konstrukt dieser Jungfräulichkeit besagt also, dass eine Frau einen bestimmten Wert hat, der nachgewiesen werden kann. Und dass diese Frau diesen Wert auch verlieren kann, wenn sie ihn nicht beweisen kann. Denn eine Frau, die kein blutiges Laken vorweist, war keine ehrbare Frau. Auch wenn dieser Kontrollmechanismus total unlogisch ist.

 

Die Jungfräulichkeit hat es sogar in die Koranübersetzung geschafft. Es wird im deutschen Sprachgebrauch davon gesprochen, dass Männer im Paradies Jungfrauen erhalten. Diese Übersetzung wird für das Wort Hoor-Al-Ayn verwendet. Dabei ist der Begriff Hoor al Ayn in der arabischen Sprache geschlechtslos. Es ist erkennbar, wie tief dieses Konstrukt der Jungfräulichkeit in den Köpfen der Muslime steckt. Dabei ist es absolut unislamisch.

 

Ein weiterer Grund, warum Jungfräulichkeit nicht im Islam basiert sein kann, liegt an den Konsequenzen, die immer nur Frauen betreffen. Die Keuschheit von Männern kann nicht nachgewiesen werden und dementsprechend kann es auch keine Konsequenzen für sie geben. Geht man allerdings davon aus, dass weibliche Keuschheit nachweisbar ist, folgen daraus auch Konsequenzen. Beispielsweise gibt es in vielen Kulturen noch die Annahme, dass eine Familienehre durch den Mord an die Tochter wiederhergestellt wird, wenn diese vermeintlich nicht keusch war. Frauen müssen teilweise um ihr Leben fürchten, wenn sie kein blutiges Laken nach der Hochzeitsnacht vorlegen können. Oder sie müssen sich gynäkologischen Untersuchungen unterziehen, damit sie ihren Eltern oder dem Ehemann beweisen, dass sie noch keinen Geschlechtsverkehr hatten. Bei anderen Völkern werden junge Mädchen beschnitten oder die Schamlippen werden zugenäht, um ihre Keuschheit noch eindeutiger aufrecht zu erhalten. Dabei spielt es keine Rolle, wie barbarisch diese Eingriffe sind und welche Schmerzen die Mädchen erleiden. Auch die chirurgische Hymenrekonstruktion ist ein Ergebnis des Patriarchats, das seinen Eingang in die muslimische Denkweise gefunden hat. Frauen lassen sich vor der Hochzeit chirurgisch den Hymen nachstellen, größer machen oder wieder zunähen, damit sie bei der Hochzeitsnacht bluten. Damit möchten sie dann ihre Keuschheit beweisen. Es gibt noch unzählige Beispiele, die aufzeigen, wie frauenfeindlich der Glaube an eine (nachweisbare) Jungfräulichkeit ist. Eines ist jedoch jetzt schon erkennbar: All diese Dinge sind ungerecht, falsch und absolut patriarchalisch. Denn in jeglicher Hinsicht leiden Frauen und profitieren Männer. Und dieses System, in dem Frauen unterdrückt werden und Männer in Machtpositionen sind, nennt sich Patriarchat. Deswegen ist auch der Begriff der Jungfräulichkeit, der falsche Glaube an das Jungfernhäutchen und der Umgang damit absolut unislamisch.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0