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Wir müssen uns vom Belohnungsgefühl beim Shoppen verabschieden

Anna ist 25 Jahre alt und bloggt auf Instagram über fair fashion und Second Hand shopping. Sie kann Spargel und Chicorée weder riechen, noch essen und wenn sie ein Tier wäre, würde sie am liebsten ein Hund sein. Anna macht zurzeit ihren Master in Germanistik und Literatur- und Medienpraxis. In diesem Interview verrät sie uns ihre ultimativen Second Hand shopping Tricks und erklärt, warum gebrauchte Kleidung oft sogar besser ist, als neue.

 

Wann bist du das erste mal mit Second Hand Mode in Kontakt gekommen?

Als Kind habe ich schon oft gebrauchte Kleidung getragen, weil Bekannte mir die Sachen ihrer Kinder überlassen haben. Das war ja früher auch üblich und viele mit älteren Geschwistern kennen das bestimmt.

 

Seit wann shoppst du denn aktiv Second Hand?

Wirklich aktiv mache ich das seit zwei Jahren. Ich war früher oft bei Primark, H&M und co. einkaufen, weil ich immer die neuesten Trends tragen wollte.

 

Wieso hast damit aufgehört?

Ich war es irgendwann einfach nur leid. Ich mag ja nicht nur Mode, sondern auch Kleidung. Und wenn Teile nach einer Saison schon so aussahen, als hätte man sie 10 Jahre getragen, hat mich das sehr geärgert. Ich wollte sie ja länger tragen und brauchte dementsprechend auch bessere Qualität.

 

Und die hast du Second Hand gefunden?

Ja, auf jeden Fall. Als Studentin habe ich ein begrenztes Budget. Und da bekomme ich wirklich sehr gute Qualität für einen verhältnismäßig kleinen Betrag. Außerdem ist es sehr viel nachhaltiger.

Inwiefern spielte die Umwelt eine Rolle bei deiner Entscheidung?

Ich habe mir natürlich auch Gedanken darüber gemacht, was unser Modekonsum für Auswirkungen auf die Umwelt hat. Viel kaufen und viel wegschmeißen ist nicht besonders umweltfreundlich. Am nachhaltigsten ist es, wenn man seine Kleidung möglichst oft und lange trägt und das geht leider nicht, wenn die Qualität nicht stimmt.

 

Was gefällt dir an Second Hand denn am besten?

Ich mag Dinge, die eine Geschichte haben. Wenn ich erzählen kann, dass ich nach einem bestimmten Teil gesucht und wie ich es gefunden habe. Und ich finde es auch toll, Kleidung zu besitzen, die nicht jeder hat.

 

Manchmal gibt es aber neue, super schöne Kleidung, die man doch unbedingt haben möchte oder?

Ich habe mich wirklich lange damit auseinandergesetzt. Und natürlich ist man als modeaffiner Mensch auch besonders an den neusten must haves interessiert. Aber es gibt eigentlich keine wirklichen neuen Trends. Alles hat es irgendwie schonmal gegeben. Beispielsweise waren dieses Jahr Slip Röcke besonders angesagt. Die gab es aber schon in den 90er Jahren. Warum sollte man nicht erst schauen, ob man die gebraucht bekommt. Bei alten, neu aufgeflammten Trends ist es sehr wahrscheinlich, ein Second Hand Stück zu ergattern. Wenn ich ein Teil aber unbedingt haben möchte und es nicht finde, dann kaufe ich es mir auch neu. Trotzdem setze ich mich lange damit auseinander, bevor ich es dann wirklich kaufe.

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Aber vermisst du nicht das Glücksgefühl, das man beim Kauf von neuer Kleidung hat?

Man muss sich von diesem Belohnungsgefühl, das man beim Shoppen hat, verabschieden. Ich war früher auch einkaufen, wenn ich schlechte Laune hatte. Dann findet man ein Teil und einem geht’s besser. Natürlich geht da unser Belohnungszentrum an und wir freuen uns. Aber diese Freude hält nicht lange an. Geld auszugeben und Dinge zu kaufen, die man eigentlich gar nicht braucht, macht auf Dauer nicht glücklich.

Viele wollen ja möglichst viel besitzen um auch viel Auswahl zu haben. Wie siehst du das?

Mich macht ein zu voller Kleiderschrank total nervös. Irgendwann ist alles voll und man muss aussortieren. Wenn einem dann bewusst wird, wie viel Geld man für Kleidung ausgegeben hat, die man nie getragen hat oder nicht gebraucht hat, dann tut das in der Seele weh. Man hätte damit auch andere Dinge machen können. Und eigentlich trägt man nur vier bis fünf Lieblingsteile wirklich regelmäßig.

 

Du sprichst von einem Maximum an Lebzeit bei Kleidung. Wie schafft man es, Kleidung oft und lange zu tragen, ohne immer gleich auszusehen?

Die qualitativ hochwertigen und teuren Sachen, die ich kaufe, sind meistens neutral oder zeitlos. Und die mixe ich dann mit anderen, coolen oder aufregenden Elementen. Da achte ich zwar auch darauf, dass sie hochwertig sind, das müsste man aber nicht unbedingt. Beispielsweise kann man mit Schuhen einen Look komplett verändern. Rote Schuhe finde ich aufregend oder Shirts mit Print. Gerade wenn man weniger Kleidung besitzt, wird man kreativer.

 

Ist es nicht eklig, Kleidung zu kaufen, die andere schon getragen haben?

Viele bedenken nicht, dass die Sachen im Laden auch schon x mal getragen wurden. Und beim Onlineshoppen wird Kleidung retourniert. Die Sachen wurden vielleicht nicht so lange getragen, aber sie sind auch nicht ungetragen. Bei Schuhen ist es ähnlich. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie viele schon die Schuhe ohne Probierstrumpf angezogen haben. Schuhe kann man zwar nicht waschen, aber mit Desinfektionssprays desinfizieren. Es ist meiner Meinung nach nicht unbedingt hygienischer, neu zu kaufen.

 

Manche Menschen haben jedoch eine sehr sensible Haut…

Für sie ist Second Hand sogar noch besser. Diese Sachen enthalten auch oftmals keine Chemikalien mehr, gerade weil sie so oft gewaschen worden sind. Sie sind also für Allergiker und Menschen mit sensibler Haut besonders gut geeignet.

 

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Aber in den Geschäften riecht es meistens so abgestanden, findest du nicht?

Das ist immer noch ein verbreitetes Klischee. Ja, es gibt welche, da stinkt es vielleicht oder es ist sehr unübersichtlich. Aber das ist mittlerweile nur noch die Ausnahme. Es gibt Kilostores, wo man seinen Einkauf nach Gewicht bezahlt oder Charityshops, wie Humana. Da wird der Erlös an wohltätige Organisationen gespendet. Ich finde vor allem Kommissionsshops super. Dort suchen die Mitarbeiter sogar die Teile aus, die in den Laden kommen. Aber es gibt auch online Formate wie Kleiderkreisel, ubup, Mädchenflohmarkt und zadaa. Übrigens, Second Hand heißt auch nicht immer gebraucht. Man kann ja auch bei Kleiderkreisel ungetragene Kleidung kaufen. Meine ersten „gebrauchten“ Schuhe habe ich bei ubup gekauft, nur um dann festzustellen, dass sie noch nagelneu waren.

 

Was sind denn deine Empfehlungen für Second Hand Neueinsteiger?

Also ich persönlich kaufe sehr gerne online, weil man gut filtern kann. Also Kleiderkreisel und ubup, das würde ich denen empfehlen, die sich rantasten wollen. Dort kann man nach Material, Größe, Farbe oder Marke filtern. Das macht alles etwas übersichtlicher und man findet vielleicht sogar Teile, die man seit Ewigkeiten gesucht hat.

 

Gibt es Dinge, auf die man besonders achten sollte?

Eigentlich gelten die gleichen Regeln, wie beim Neukauf. Auf Flecken kontrollieren, schauen, ob Knöpfe fehlen. Bei Kleiderkreisel die Bilder genau ansehen oder die Beschreibung durchlesen. Ich achte aber auch oft auf das Material.

 

Welche Materialien kaufst du denn nicht?

Zum Beispiel Acryl oder Polyester, weil das Plastik ist. Davon abgesehen, dass es schlecht für die Umwelt ist, gibt es kein schönes Hautgefühl. Sollte irgendwo eine Kerze umfallen, müsste man Angst haben, zu brennen (lacht). Die Sachen werden unglaublich schnell gammelig. Also bei 100% Acryl weiß man, dass das Teil nicht lange halten wird. Pullis sollten mindestens 50% Naturfaser enthalten. Strickjacken aus 100% Baumwolle leiern schnell aus, ein bisschen Kunstfaser braucht es da schon. Aber es sollte unter 10% sein.

Welche war deine günstigste und welche deine teuerste Second Hand Errungenschaft?

Mein größter Schnapper war eine Hose für 18€ von Baum und Pferdgarten. Sie war sogar aus der aktuellen Kollektion und kostete im Sale 200€. Ich habe sie seit 10 Monaten und trage sie mindestens einmal die Woche.

Mein teuerstes Teil war ein Burberry Trenchcoat aus den 80ern, für den ich 90 € bezahlt habe.

 

Aber für ein 30 Jahre altes, gebrauchtes Teil so viel Geld auszugeben, tut das nicht weh? Warum kauft man sich dann nicht lieber einen neuen Trenchcoat?

Natürlich finde ich für 100€ einen neuen beigen Trenchcoat. Aber ich hatte mal einen von H&M. Der wurde immer so schnell dreckig, dass ich ihn wirklich sehr oft waschen musste. Nach zwei Jahren sah er so schrecklich abgetragen aus. Der Burberry Trenchcoat war 30 Jahre alt und sah immer noch super aus. Neu kostet so ein Mantel etwa 1500€. Und ich habe ihn auch schon seit zwei Jahren und musste ihn, obwohl er beige ist, noch kein mal waschen. Wenn ein Kleidungsstück schon seit 30 Jahren gut aussieht, wird es wahrscheinlich auch noch lange leben. Und für das Geld bekommt man keine vergleichbare Qualität.

 

Welchen Tipp möchtest du den Leser*innen noch zum Schluss geben?

Versucht euch Gedanken zu machen, bevor ihr ein neues Teil kauft. Braucht ihr es wirklich? Findet ihr es vielleicht auch auf Kleiderkreisel oder woanders? Second Hand ist nicht nur besser für den Geldbeutel, sondern auch für die Umwelt. Außerdem gibt es zahlreiche Studien, die belegen, dass die Näherinnen sehr wenig daran verdienen. Wenn ein T-Shirt 10€ kostet, verdient eine Näherin gerade mal 10 ct.  Vor allem als Frau sollte man solche Zustände nicht unterstützen.

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