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Ehe oder Paradies - wie Eltern ihre Töchter manipulieren und was sie ihnen verschweigen

Photo by Nicola Fioravanti on Unsplash
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In der letzten Woche habe ich von den Missständen gesprochen, in denen sich viele muslimische Frauen befinden. Aber allein darüber zu berichten, reicht leider nicht aus. Denn obwohl Frauen offensichtlich Unrecht angetan wird, ändert sich nur langsam etwas. Tatsächlich finden junge Frauen außer dem stummen Nicken und betrübten Gesichtern kaum Beistand

Mit einem Blogtext werde ich diese Situation nicht ändern können. Aber ich kann den Frauen zumindest ein paar „Waffen“ in die Hand geben, damit sie sich nicht ganz so aufgeschmissen fühlen.

Wenn Frau also jemanden heiraten möchte, dessen Ursprungsnationalität nicht den Geschmack der Eltern trifft, sieht sie sich vor einem großen Dilemma. Wie soll sie den Menschen heiraten, den sie liebt, wenn der Vater dieser Ehe nicht zustimmt? Wie ich euch letzte Woche schon erzählt habe, muss der Vater oder der Großvater väterlicherseits der Ehe nach islamischem Recht zustimmen. Das gilt für noch unverheiratete bzw. noch nie verheiratet gewesene Frauen. Wenn die Tochter also schonmal verheiratet war, ist die Erlaubnis des Vaters bzw. Großvaters nicht für die Eheschließung erforderlich. Ein wichtiger Punkt, den ich hier noch erwähnen möchte, ist, dass die Erlaubnis wirklich nur diesen beiden Personen obliegt. Das heißt, dass weder ein Onkel noch ein Bruder, sei er noch so alt oder erfahren, hier ein islamrechtliches Mitspracherecht hat. Wenn eine Frau also keinen Vater oder keinen Großvater hat, kann sie sich an einen Gelehrten wenden und die Situation schildern. Der Onkel oder der Bruder wird islamrechtlich niemals die Stellung des Vaters in dieser Entscheidung einnehmen können. Deswegen muss man in diesem Fall sowieso zu einem Gelehrten.

Prinzipiell ist es immer empfehlenswert, einen Gelehrten hinzuziehen. Oft versuchen die Eltern die eigenen Kinder unter Druck zu setzen und sie daran zu hindern, mit jemandem über dieses Problem zu sprechen. Sie befürchten, dass das gute Familienbild vor den anderen zerstört wird. Ihre Hauptsorge gilt in diesem Fall gar nicht dem Wohl der Kinder oder dem der Familie, sondern nur sich selbst. Was sollen bloß die Leute von ihnen denken? Basierend auf diesem Gedanken erziehen viele Eltern ihre Töchter von klein auf sehr ungerecht. Sie unterdrücken jegliche Entfaltung, die nicht dem eigenen Bild einer „tugendhaften“ Frau entspricht. Auf ihr laste ja schließlich die Ehre der Familie.

Leider erkennen viele Frauen erst viel zu spät, dass dieses Gesamtkonstrukt „Ehre“, nichts anderes als ein Überbleibsel vorislamischer Zeit ist. Zu jener Zeit war es gesellschaftlich angesehen, ein neugeborenes Mädchen lebendig zu begraben. Eine tote Tochter war ehrwürdiger, als eine lebende. So abstrus es sich anhört, es ist wahr. Das waren die so genannten vorislamischen Zeiten. Wenn man sich das vor Augen führt, ist es fast schon grotesk, dass Muslime genau diese Traditionen, die vom Islam damals abgeschafft worden sind, heute als Teil des islamischen Glaubens ansehen. Das zu wissen nützt in erster Linie, weil man begreift, dass man als Frau rein gar nichts mit einer so genannten Ehre der Familie zu tun hat. In zweiter Linie hilft es, das Schweigen zu brechen. Wenn die Familie ihre Tochter daran hindern möchte, mit Gelehrten oder wissenden Menschen zu sprechen, dann ist der Schutz der Familienehre nur eine lausige Ausrede. Denn es kann nichts Falsches daran geben, sich Rat bei religiösen oder wissenden Instanzen zu holen. Im Gegenteil, es ist genau das Richtige.

Viele Eltern fürchten sich aber davor, weil es ihnen den Spiegel vorhalten würde. Sie müssten sich vor einer religiösen Instanz für ihre Entscheidung rechtfertigen und wären nicht die letzten „Befehlshaber“. Die meisten wissen sogar, dass Nationalität islamrechtlich kein Ablehnungsrund ist. Auch deswegen fürchten sie den Rat eines Gelehrten. Dieser könnte schließlich auch ihre Autorität untergraben. Und damit kommen wir auch zum nächsten sehr wichtigen Aspekt in dieser Debatte.

Photo by Arièle Bonte on Unsplash
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Viele arabisch/türkisch/afghanisch/(usw)-, kurz, vorislamisch-traditionell sozialisierte Eltern, denken, sie stünden über allem. Sie glauben, sie seien über jedem Fehler und jeder Strafe Gottes erhaben. Es hört sich unglaubwürdig an, ist aber leider Realität. Muslimische Eltern bzw. solche, die das von sich behaupten, denken, dass ihr Urteil und ihr Handeln die letzte Instanz vor Gott wäre. In anderen Worten, ihre Entscheidungen, ihre Ansichten und ihr Verhalten wären das Maß aller Dinge. Und nur durch die Zufriedenstellung ihrer Bedürfnisse, sei den Kindern die Zufriedenheit Gottes sicher und damit auch das Paradies. Sie erwarten also von ihren Kindern, ihre Wünsche zu erfüllen, nach ihren Vorstellungen zu leben und so zu sein, wie sie es vorschreiben, damit ihnen ihre Zufriedenheit zuteil wird. Sie stellen sich damit auf eine Ebene mit Gott. (Das würden sie natürlich niemals so sagen.) Aber faktisch würden sie ja dann am Ende darüber entscheiden, ob man ins Paradies kommt, oder nicht. Und das nur, weil sie Kinder geboren haben. Kann man sich das vorstellen?

Das so auszuformulieren müsste eigentlich genügen, damit man versteht, dass Gott mit Sicherheit niemals so ein Verhalten der Eltern tolerieren würde. Und, dass er mit seinen Geboten, gütig zu den Eltern zu sein, sicherlich nicht die Willkür von Eltern hervorrufen wollte. Über elterliches Fehlverhalten in der Erziehung soll es aber hier nicht gehen. Wenn euch eine fundierte Auseinandersetzung mit diesem Thema interessiert, schreibt mir gerne und ich nehme das für einen anderen Text auf. Aber heute will ich allen LeserInnen sagen, dass ihre Eltern nicht darüber entscheiden, ob sie ins Paradies kommen, oder nicht. Und dass ihre Eltern auch Fehler machen können und es auch in Ordnung ist. Aber die Kinder müssen diese Fehler nicht befolgen! Und sie müssen sich auch nicht schlecht fühlen, wenn sie nicht nach den Wünschen ihrer Eltern handeln. Denn oft verlangen sie unislamische Dinge von ihren Kindern. Einen Mann abzulehnen, weil seine Ursprungsnationalität nicht den eigenen Wünschen entspricht, ist unislamisch. Und Gott sagte selbst im Koran:

Und Wir haben dem Menschen im Hinblick auf seine Eltern anbefohlen - seine Mutter trug ihn in Schwäche über Schwäche, und seine Entwöhnung erfordert zwei Jahre -: "Sei Mir und deinen Eltern dankbar. Zu Mir ist die Heimkehr.

 

Doch wenn sie dich auffordern, Mir das zur Seite zu setzen, wovon du keine Kenntnis hast, dann gehorche ihnen nicht. In weltlichen Dingen aber verkehre mit ihnen auf gütige Weise. Doch folge dem Weg dessen, der sich zu Mir wendet. Dann werdet ihr zu Mir zurückkehren, und Ich werde euch das verkünden, was ihr getan habt."

(Sure 31, Verse 14-15)

Es ist sogar die Pflicht, wenn die Eltern Unislamisches von verlangen, ihnen nicht zu gehorchen. Eins darf und will ich aber nicht leugnen. Nur, weil sie Unrecht von einem verlangen, darf man sich nicht von ihnen abwenden. Man muss trotzdem gütig zu ihnen sein. Das ist der springende Punkt.

Manche Eltern sind auch sehr gerissen und wissen, dass sie eigentlich aufgrund von Nationalität die Ehe nicht ablehnen dürfen. Aber sie verzweifeln an der Hartnäckigkeit ihrer Töchter und bedienen sich allerlei Rechtfertigungen für ihr Verhalten. Beispielsweise sagen sie, dass Gott mit dieser Ehe niemals zufrieden sein wird oder dass das Paar auf ewig unglücklich sein wird. Sie drohen den Töchtern, sie auf ewig zu verfluchen. Oder sie aus den Familien zu verstoßen. Viele versuchen sogar, den Töchtern weiß zu machen, dass sie in Sünde leben werden und dass ihre Kinder, uneheliche Kinder sein werden.

Ich kann über dieses Verhalten nur den Kopf schütteln und es schmerzt mich zutiefst, dass so unendlich viele Frauen das tagtäglich hören müssen! Aber! Auch wenn diese Worte verletzen und zu großen Selbstzweifel führen, darf man nicht aufgeben! Denn was bleibt in der Verzweiflung außer der Drohung? Dieser psychische Druck ist nichts anderes als der Versuch, die Töchter von ihrem Vorhaben abzubringen. Denn die meisten Eltern wissen es: Sie dürfen nicht einfach ablehnen, weil ihnen die Nationalität des zukünftigen Schwiegersohns nicht gefällt…

Photo by Miguel Bruna on Unsplash
Photo by Miguel Bruna on Unsplash

Ja, diese Wahrheit wird den Töchtern oft verschwiegen. Und wenn sie es dann doch herausfinden, versucht man ihnen einzureden, dass ihre Ehe ungültig sein wird. Aber nochmal von Anfang an. Oben hatte ich bereits geschrieben, dass das Einverständnis des Vaters für die Eheschließung der Tochter nötig ist. Das stimmt allerdings nur zu einem bestimmten Teil. Es gibt sehr viele Gelehrtenmeinungen dazu, wann und ob eine Frau auch ohne die Einverständniserklärung ihres Vaters heiraten darf. Beispielsweise gibt es einen Gelehrten, der sagt, eine Frau, die selbst für ihren Unterhalt aufkommt und weder finanziell noch psychisch von den Eltern abhängig ist, benötigt keine väterliche Erlaubnis zum Heiraten. Manche sagen, wenn die Frau beispielsweise schon 30 Jahre alt ist, braucht sie auch keine Erlaubnis mehr. Aber worin sich alle unmissverständlich einig sind: Eine Frau braucht die Erlaubnis ihres Vaters nicht, wenn er keinen islamischen Grund hat, den Mann abzulehnen. Mit anderen Worten: Der Vater muss seine Ablehnung islamisch begründen, damit sie auch akzeptabel ist.

Angenommen, eine Frau möchte einen Mann heiraten, der Muslim ist und dessen Eltern aus der Türkei kommen. Der Vater lehnt ab, weil er aus dem Iran stammt und gerne einen Iraner als Schwiegersohn hätte. Dann wäre sein Urteil nichtig. Das bedeutet auch für, dass man diesen Fall an einen Gelehrten tragen kann/muss und dass dieser einen, statt des Vaters, vermählen kann. Das kann jede/r gerne nachlesen oder den Gelehrten in den Gemeinden fragen. Diese Regel denke ich mir nicht aus. Sie ist, vor allem im theologischen Kontext, absolut logisch. Denn der Islam sagt, dass er für jedes Problem eine Lösung bietet und dementsprechend muss auch das Problem der Heirat einen Ausweg kennen.

Ich habe ja bereits erzählt, dass viele Eltern dieses „Schlupfloch“ bzw. diese Ausnahmeregelung kennen. Deswegen wissen sie auch dagegen zu argumentieren. Sie geben dann nicht offen zu, dass es aufgrund der Nationalität ist, sondern behaupten, dass ihnen der Ausbildungsstatus des Mannes nicht passt oder dass er ihnen nicht gläubig genug ist. Aber auch diese Begründungen sind nichts weiter als Ausflüchte. Denn der Islam sagt nicht, dass man als Frau einen Mu’min, also einen praktizierenden Muslim heiraten muss, sondern einen Muslim. Das heißt, es würde rein theoretisch und prinzipiell völlig ausreichen, dass der Mann konvertiert, um ihn zu heiraten. Auch das ist nichts weiter, als ein Segen von Gott. Denn ohne diese Regel könnte man ja eine Art Strichliste erstellen, wie gläubig und praktizierend ein Mann sein muss, um die eigene Tochter zu heiraten. So ist es natürlich nicht. Denn eine Frau kann und muss auch selbst entscheiden können, wen sie heiraten möchte:

Der Prophet s. sagte dazu „Wenn ein Mann, dessen Religion und Charakter euch gefallen [mit einem Heiratsantrag] zu euch kommt, dann (ver)heiratet ihn. Tut ihr das nicht, werden Chaos und Unheil die Welt bestimmen”

Diese Überlieferung ist ein Appell, sowohl an die Eltern als auch an die Töchter. Hier wird von Religion und Charakter gesprochen und dass man an diesen zwei Punkten die Eheerlaubnis erteilt. Man muss eben so lange mit den Eltern sprechen, bis sie ihre Gründe offenlegen (falls sie es nicht sowieso schon tun).

Was hier wichtig ist, ist, dass mit fehlender Erlaubnis des Vaters eine Ehe trotzdem möglich ist. Eine Frau ist nicht der Willkür und der Ungerechtigkeit ihrer Eltern ausgeliefert. Eine Frau ist nicht machtlos gegenüber dem Unwissen oder der Intoleranz der Gesellschaft. Im Gegenteil. Wenn sie standhaft bleibt und für ihr Recht kämpfen will, dann hat sie alle Möglichkeiten dieser Welt. Sie muss nur geduldig sein. Und wissen, dass der Kampf nicht leicht ist. Viele Frauen kämpfen jahrelang für ihr Ziel. Sie gehen von Gelehrten zu Gelehrten, von Freunde zu Verwandten. Und manchmal gibt es jemanden, der keine Angst hat, gerecht zu sein. Und manchmal muss man eben lange nach so einer Person suchen. Aber man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Und wenn alle Stricke reißen, dann schreibt mir und ich versuche zu helfen.

 

Ihr seid nicht allein.

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