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Jana Huhn - Wir rennen einem Ideal hinterher, das keiner von uns erfüllen kann

Jana ist 28 Jahre alt, ausgebildete Krankenpflegerin und Bloggerin. Auf Instagram (@vonkopfbisfuss_) schreibt sie über Selbstliebe, Mamadasein und postet regelmäßig Fotos von den Veränderungen ihres Körpers. So möchte sie anderen helfen, mehr Liebe für ihren Körper zu empfinden und sich selbst zu akzeptieren. Jana trinkt momentan am liebsten Wasser oder Spezi, trägt nur einen ganz bestimmten Rotton und mag keine grüne Kleidung an sich. Wie sie zum Bloggen gekommen ist, warum wir dem Perfektionismus nicht verfallen dürfen und weshalb sich viele Frauen in ihrem Körper unwohl fühlen, erzählt sie uns in diesem Interview.

Liebe Jana, auf deinem Blog bei Instagram schreibt du über Körpergefühl, Mindset und eigene Zufriedenheit. Wie kommst du zu diesem Themengebiet?

Es fing alles mit meiner Entbindung vor etwa einem Jahr an. Weil ich selbst immer schlank war, dachte ich, dass ich keine Probleme mit meinem Körper oder meinem Körpergefühl habe. Dazu muss ich aber sagen, dass ich durch Freunde und Familie in Richtung Schlank sein gepolt war. Schlank war gut und das habe ich auch nicht hinterfragt. Und natürlich habe ich versucht, unbewusst in dieses Ideal zu passen. Nach der Schwangerschaft habe ich aber 20 kg mehr gewogen und passte nicht mehr in meine alten Sachen. Ich wollte dann so schnell es geht wieder abnehmen und in Größe 34 rein. Als ich dann gemerkt habe, dass es nicht so schnell funktioniert, musste ich mich zum ersten Mal wirklich mit meinem Körper auseinandersetzen. So habe ich gelernt, mit meiner neuen Kleidergröße und meinem neuen Ich klar zu kommen und mich zu lieben, wie ich bin. Und deswegen schreibe ich auch darüber.

 

Also ist dir quasi erst nach der Geburt bewusst geworden, dass das Thema Körper und Körpergefühl dich dein ganzes Leben schon begleitet hat?

Ja genau. Erst nach der Entbindung habe ich gemerkt, wie sehr mir durch beispielsweise Ex-Freunde oder Medien eingetrichtert wurde, dass ich einem bestimmten Ideal entsprechen musste. Nach der Schwangerschaft hatte ich die Zeit, mich nur auf mich selbst, auf meinen Körper und meine Seele zu konzentrieren und mich zu fragen, was mir persönlich guttut. Und dann hatte ich auch plötzlich kein Problem mehr damit, Größe 40 oder 38 zu tragen. Es ist ja eine ganz normale Größe. Das habe ich früher so nicht wahrgenommen.

 

Warum sind vor allem Frauen unzufrieden mit ihrem Körper oder ihrem Erscheinungsbild?

Ich glaube, das liegt daran, dass wir die ganze Zeit mit „Schönheit“ und Perfektion umgeben sind. In den Medien, auf Instagram und überall tauchen nur perfekt aussehende Frauen auf. Und da spielt es keine Rolle, ob es um Unterwäsche geht, um Zahnpastawerbung oder ob es eine Nebenrolle in einem Film ist. Die Menschen und vor allem die Frauen sehen immer perfekt aus. Sie stehen morgens auf, tragen supergeile Unterwäsche, haben wallendes Haar und sind im no make-up Stil geschminkt. Dieses Bild wird aufrechterhalten und es stellt sich gar nicht die Frage, ob man auch anders aussehen soll oder darf. Es werden auch keine richtigen Alternativen geboten. Egal ob auf dem Laufsteg, in Zeitschriften oder im Fernsehen, Frauen sind schlank und sehen super aus. Und deswegen wundert es mich auch nicht, dass Frauen den Drang haben, so aussehen zu müssen. Sie kennen ja quasi nichts anderes.

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Du sprichst darüber, wie Medien und Öffentlichkeit unser Körpergefühl negativ beeinflussen. Welche Aspekte sind konkret an unserem schwächelnden Selbstwertgefühl schuld?

Es gibt meiner Meinung nach, zwei wichtige Punkte. In erster Linie ist es problematisch, wie bestimmte Dinge kommuniziert werden. Klatschzeitschriften, wo in jeder Ausgabe über die 10 ultimativen Tipps zum Abnehmen gesprochen wird, vermitteln jungen Frauen ein gewisses Bild. Oder wenn Stars in ihrer Alltagskleidung fotografiert werden und über vermeintliche Makel wie eine Delle oder ein Bäuchlein gelästert wird. Wenn solche Normalitäten so dargestellt werden, als wären sie ein Weltuntergang, prägt das unser Verständnis von Schönheit. Das größte Problem daran ist, dass eine Generation mit solchen Zeitschriften und Normen heranwächst und es gar nicht anders kennt. Sie lernen daraus, dass nur ein bestimmter Typ Frau gut aussieht.

Der zweite wichtige Aspekt ist das fehlende Hinterfragen. Schönheitsideale werden nicht oder nur ganz selten kritisch beleuchtet. Und wenn einige das tun, dann werden sie oft gelöscht oder stumm geschalten. Die Branche lässt keine Kritik zu und es fehlt ein Raum dafür. Ich bin mir sicher, dass viele Frauen gerne darüber sprechen möchten, ob diese gesamte Realität so richtig ist.

 

Wer entscheidet eigentlich wann eine Frau gut aussieht? Gibt es diese Normen oder sollte es sie überhaupt geben?

Jeder hat seine eigene Vorstellung von Schönheit, zum Beispiel wie man sich selbst am schönsten findet oder was einem an anderen Menschen gut gefällt. Das ist richtig und legitim und das kann man auch keinem absprechen. Ich würde mir aber wünschen, dass sich die Mode und damit auch die Gesellschaft für ein diverseres Bild von Schönheit öffnen würde.

 

Wie würde das denn deiner Meinung nach aussehen?

Man sollte viel mehr Frauen oder Menschen aus dem Alltag zeigen. Menschen, die so sind, wie sie sind. Das wäre ja nicht hässlich oder anormal sondern im Gegenteil. Natürlich und eben auch normal. So sehen Menschen ja schließlich aus. (lacht)

Es reicht ja, wenn jeder einfach mal die Augen öffnet und sich fragt, wie er oder sie selbst morgens aussieht. Auch eine Cameron Diaz ist privat nicht immer top gestylt unterwegs. Warum werden wir dann auf das Perfekte gepolt? Wir müssen uns bewusst machen, dass wir am Ende alle gleich aussehen, wenn wir abends ins Bett gehen. Denn es ist egal, ob man eine Schönheitsoperation gemacht hat, ob man 150 oder 60 kg wiegt. Am Ende wollen wir doch alle nur das gleiche: Uns in unserem Körper wohl fühlen.

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Fehlt uns denn das Bewusstsein für Normalität?

Das würde ich schon so sagen. Es gibt ein tolles Zitat von einem Fotografen, das mir immer wieder in den Sinn kommt. Er sagte mal: >>Selbst die Models sehen nicht aus wie die Models.<< Und er hat recht. Die Frauen, die wir auf den Covern sehen, sehen im echten Leben nicht so aus. Da ist so viel gemacht und am Ende wird es zusätzlich bearbeitet. Die Models kriegen Extensions in die Haare, werden gestylt und haben ein perfektes Make-up für das Fotoshooting. Und privat tragen sie Jogginghosen und haben Pickel. Also stellt sich doch die Frage, wieso wir einem Ideal hinterhereifern sollen, das es so gar nicht gibt?

 

Viele nehmen sich ja Stars oder Models als Vorbilder und versuchen so auszusehen. Trübt das unsere Selbstwahrnehmung?

Man muss sich vor Augen führen, dass auch Kate Moss auf einem Poster nicht ständig so aussieht, wie auf diesem Poster. Das versuche ich mir selbst immer wieder zu sagen. Wir sehen nur die Fassade oder das Bild, was in dem Moment existiert hat. Der Mensch dahinter sieht nicht wirklich die ganze Zeit so aus.

Findest du, dass sich der Druck auf Frauen in den letzten Jahren erhöht hat?

Natürlich. Da braucht man nur einen Blick auf Instagram zu werfen. Diese Plattform ist quasi der Inbegriff von Schönheitsidealen geworden. Als Frau ist man täglich mit Schönheitsoperationen, Filtern und Schlankmachern konfrontiert. Beispielsweise gibt es ja die Kardashians. Ich habe nichts gegen sie und ich finde, sie sehen toll aus. Aber die wenigsten rufen sich ins Gedächtnis, dass keine von ihnen so aussah, wie sie heute aussehen. Deswegen ist es auch so gefährlich, immer nur dieses perfekte Ergebnis vor Augen zu haben. Junge Mädchen sehen dann nur dieses fertige Endprodukt und fühlen sich dann hässlich. Dabei sind sie das nicht. Aber durch den steigenden Perfektionismus und dem unbegrenzten Zugriff auf solche Bilder, werden Frauen zunehmend verunsichert.

 

Du bist auch vor nicht allzu langer Zeit Mutter geworden. Gibt es auch zum Muttersein ein Ideal oder ein Wahn zum Perfektionismus?

Auf jeden Fall. Manchmal habe ich das Gefühl, dass eine Mutter so sein muss, wie aus einem Erziehungsbuch von 1965. Wenn man mal sagt, mein Kind kriegt ab und zu mal Schokolade in die Hand gedrückt oder er darf ans Handy damit ich mal kurz abspülen kann, blickt man in schockierte Gesichter. Viele tun dann so, als würden sie das nicht machen. Aber mir kann doch keiner erzählen, dass er jede Mahlzeit für das Kind selbst kocht oder nie überfordert ist. Denn jede Mutter, vor allem wenn es das erste Kind ist, ist irgendwann mit ihrem Latein am Ende und weiß nicht mehr weiter. Ich frage mich manchmal wirklich, Wann haben wir angefangen, uns so in Formen zu pressen?

Was sind denn deiner Meinung nach, die größten Hürden des Mutterdaseins in unserer heutigen Gesellschaft?

Die Akzeptanz. Sowohl als Mutter aber auch als Mensch. Es lastet so viel gesellschaftlicher Druck, alles perfekt zu machen. Man soll alles für das Baby selber kochen, das Kind darf kein Fernsehen bis es 18 ist, als Eltern soll man keinen Sex mehr haben und wozu soll man sich schminken? Das ist jetzt überspitzt gesagt, aber es ist eben auch Realität. Ich habe das Gefühl, dass Selbstaufgabe eine Pflicht des Mutterdaseins ist. Als müsste man eine völlig andere Person werden und all die Dinge, die man gerne gemacht hat, unterlassen. Dabei ist das doch völliger Unsinn, denn man bleibt ja immer noch der gleiche Mensch mit den gleichen Hobbies und Vorlieben.

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Hast du ein konkretes Beispiel?

Ich persönlich zum Beispiel verstehe die fragenden Gesichter nicht, wenn ich mit rot geschminkten Lippen auf dem Spielplatz sitze. Ich finde, dass es mir zusteht, mich zu schminken, wenn mir danach ist. Und wenn ich es nicht machen möchte, dann mache ich es nicht. Es gibt ja nicht nur ein Mutterbild, sondern eben viele verschiedene Mütter. Und jede Frau sollte auch als Mutter sie selbst sein dürfen.

 

Wie geht man denn am besten damit um, wenn alle etwas an einem als Mutter auszusetzen haben?

Ich glaube, man muss sich ganz schnell ein dickes Fell aneignen. Jeder möchte seinen Senf zur Erziehung oder zum Auftreten dazugeben und das kann wirklich anstrengend werden. Deswegen muss man einfach auf sein Bauchgefühl hören und sich all dem Druck entgegenstellen. Selbstverständlich kann man sich die Ratschläge anderer anhören und daraus lernen. Aber am Ende ist es mein Kind und meine Erziehung.

 

Welche Veränderung braucht es dahingehend in der Gesellschaft?

Ich wünschte, wir würden alle ehrlicher zu uns selbst sein. Natürlich gehört ein Stück Selbstaufgabe dazu. Aber nur weil ich Mutter bin, heißt es nicht, dass ich nicht gerne mal wieder eine rauchen würde oder gerne wieder mal mehr Zeit mit meinem Mann verbringen möchte. Man braucht ja auch etwas, was einen ausmacht, wenn das Kind mal nicht da ist, wie z.B. in der Schule. Also wie immer, weg vom Perfektionismus und mehr in Richtung Normalität.

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Denkst du, dieser Druck schreckt Frauen davor ab, Mutter zu werden?

Tatsächlich bekomme ich das durch die Kommentare auf social media mit. Viele Frauen schreiben, dass sie großen Respekt davor haben und sich deswegen bewusst gegen ein Kind entschieden haben. Oder eben einfach Angst haben, Mutter zu werden. Ein Kind ist ja kein Möbelstück, das man hinstellt und es ist dann still. Es ist ja ein selbstständiges Wesen, das Aufmerksamkeit und Fürsorge braucht. Und durch diesen Perfektionismuswahn steigt natürlich auch der Druck auf Mütter, alles richtig zu machen und damit auch auf diejenigen, die es werden wollen.

 

Du hast auch darüber gesprochen, dass die Schwangerschaft deine Einstellung zu deinem Körper beeinflusst hat. Wie war die Schwangerschaft für dich?

Am Anfang hat es mein Körpergefühl nicht wirklich verändert. Natürlich musste ich schlucken, weil ich ca. 20 kg zugenommen hatte. Ich habe mich aber meistens gut gefühlt. Gegen Ende war es sicher schwierig, weil ich aufgedunsen war und alles weh getan hat. Nach dem Entbinden fingen dann die Probleme an, weil ich wieder in meine alten Hosen passen wollte. Ich würde auch sagen, dass die Schwangerschaft mich gebrochen hat, weil ich lernen musste, loszulassen und Kontrolle abzugeben. Durch diese Zeit und den Heilungsprozess nach dem Entbinden habe ich aber auch gelernt, auf meinen Körper zu hören und zu schauen, was ich brauche und was mir guttut.

 

Was hältst du von den Schwangerschaftsbauchbildern und den postpartal Körperfotos?

Diese Bilder haben mir wirklich geholfen, weil sie mir den Wind aus den Segeln genommen haben. Es war beruhigend zu sehen, dass ich nach so einer anstrengenden und schweren Zeit nicht gleich wieder ein Sixpack haben muss. Der Körper braucht eben Ruhe und Zeit, sich zu regenerieren. Das bei anderen zu beobachten, tat mir gut.

Du beschäftigst dich ja auch mit Selbstliebe, Bodypositivity und co. Worum handelt es sich dabei?

Bei Bodypositivity geht es darum, sich in seinem Körper wohl zu fühlen. Also auch zu zeigen, dass Dellen oder Dehnungsstreifen schön sind und dass es nicht nur eine einzige schöne Figur gibt. Bei Bodyneutrality begegnet man seinem Körper als Freund. Man muss ihn nicht jeden Tag lieben, aber man kann ein gutes Verhältnis zu ihm aufbauen. Ihn mal mehr zu akzeptieren oder mal weniger. Aber generell ist es wichtig, nicht in den Spiegel zu gucken und zu sagen, du bist hässlich.

 

Denkst du, dass Frauen jemals mit ihrem Körper zufrieden sein können?

Ich glaube nicht, dass eine Frau sich jeden Tag in ihrem Körper supergeil fühlen kann. Es gibt immer solche Tage, an denen man sich weniger schön fühlt als an anderen. Aber das ist ja total normal. Viel wichtiger ist, dass wir nicht mehr diesen Perfektionismus haben und uns auch mit Pickel immer noch schön finden. Also ja, Frauen können auch mit ihrem Körper zufrieden sein, wenn sie nicht täglich mit unerreichbarer Perfektion konfrontiert werden würden.

Was muss sich denn konkret in unserer Gesellschaft ändern, um das zu erreichen?

Wie gesagt, wir müssen weggehen, von diesem Perfektionismus. Wir brauchen Zeitschriften, mit normalen Frauen und diversen Frauen. In Sendungen und im Fernsehen sollten die Verantwortlichen mal darüber nachdenken, was sie mit ihren Bildern vermitteln und wen sie damit wie beeinflussen. Wir brauchen ein neues Denken. Wir müssen Unsicherheit zulassen und Diversität zeigen. Das Leben ist bunt und vielfältig und das muss sich auch in den Medien wiederspiegeln. Ich würde mich zum Beispiel über ein Magazin freuen, das von Anfang bis Ende anhand von Bildern ein positives Gefühl vermittelt. Sowas brauchen wir doch!

 

Welche Tipps möchtest du jungen Frauen und Müttern mit auf dem Weg geben, damit sie sich selbst besser fühlen?

Darauf gibt es wahrscheinlich keine einfache Antwort. Aber es hilft, sich selbst mit Dingen und Menschen zu umgeben, die einen glücklich machen. Konsumiere, was dir ein gutes Gefühl gibt. Bastele dir ein positives Mindset. Verabschiede dich von Menschen, die dich runterziehen. Mach dir eine Pinterest Seite mit positiven Sprüchen, kauf dir Bücher, die dich glücklich machen. Es gibt viele Möglichkeiten. Wichtig ist, dass eine Frau weiß, was sie braucht und was ihr guttut.

 

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