· 

Wie konnte es nur soweit kommen? Warum wir uns in 100 Jahren diese Frage stellen werden

Wenn wir in 100 Jahren in der Schule säßen und in den Geschichtsbüchern läsen, dann würden wir uns fragen: Warum hat keiner etwas dagegen gemacht?

Damals, als wir noch alle zur Schule gingen und es im Unterricht über die NS-Zeit ging, war das eine der Fragen, die uns alle beschäftigt haben. „Wie konnte es soweit kommen? Und warum hat keiner etwas dagegen gemacht?“

Es war unvorstellbar, dass ein ganzes Land sich offensichtlicher Ungerechtigkeit ergeben hatte und es keinen gesellschaftlichen Widerstand gab. Oft hörte man Schüler sagen: „Sowas würde uns ja heute nicht passieren.“

Und so sehr ich damals auch geglaubt hatte, dass so etwas nicht noch einmal geschehen würde, so sehr merke ich, wie stark sich mein naives junges Ich getäuscht hat. Denn was wir heute erleben, unterscheidet sich kaum von den Anfängen der NS-Zeit:

Am 29. Juni 2019 wurde Carola Rackete, Kapitänin der deutschen Seenotrettung „Sea watch“ in Italien festgenommen, weil sie mit dem Rettungsboot „Sea watch 3“ unerlaubt an den Hafen anlegte. Zwei Wochen lang fuhr das Schiff mit mehr als 40 Geflüchteten über das Meer und wartete auf die Einfuhrerlaubnis durch die italienischen Behörden. Diese blieb jedoch aus. Als sich die Menschen mit einem Eilantrag an das Europäische Gerichtshof für Menschenrechte wandten, wurde auch dieser abgelehnt. Es bestünde kein Grund zur Dringlichkeit. Kurz darauf entschied Rackete, ohne Genehmigung an Land zu gehen. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Widerstands gegen die Schifffahrtsordnung und Beihilfe zur illegalen Einreise. Während sich die Kapitänin in Haft befindet, ist Italiens Bevölkerung gespalten. Die einen jubeln, die anderen fordern Strafen.

 

Wenn wir in 100 Jahren in der Schule säßen und in den Geschichtsbüchern läsen, dann würden wir uns fragen: „Wie konnte es soweit kommen? Und warum hat keiner etwas dagegen gemacht?“

Heute, im Jahr 2019, in einem sicheren und offenen Europa, wird Menschen, die auf der Flucht sind, nicht geholfen. Und Menschen, die ihnen helfen, werden festgenommen. Während die einen ihre Freiheit riskieren, um anderen Schutz zu gewähren, fordern andere Maßnahme gegen sie.

Heute, im Jahr 2019, 100 Jahre bevor unsere Kindeskinder in der Schule sitzen und sich fragen werden, warum wir einfach nur zugesehen haben, können wir etwas bewegen. Wir können dafür sorgen, dass Frauen wie Rackete nicht erst in 100 Jahren die Anerkennung bekommen, die ihnen zusteht. Und wir können heute ein Zeichen gegen Ungerechtigkeit setzen, indem wir verhindern, dass Salvinis Entscheidung ungestraft bleibt.

Wir dürfen nicht zulassen, dass Unrecht über Recht gestellt wird und wir dürfen nicht zulassen, dass wir unsere Menschlichkeit verlieren. Und vor allem dürfen wir unter keinen Umständen zulassen, dass Held*Innen für etwas bestraft werden, was offensichtlich das einzig Richtige ist.

Heute kann jeder einen Beitrag leisten. Ihr müsst nicht selbst ans Meer fahren und Menschen retten, wenn ihr dazu nicht in der Lage seid. Aber was jeder von uns tun kann, ist Freunde, Bekannte und Kollegen auf Sea Watch aufmerksam zu machen und darüber zu reden. Teilt Artikel, die dieses Thema aufgreifen, postet Fotos von den Geschehnissen und macht die Aufregung und den Unmut in der Gesellschaft groß. Wir dürfen nicht schweigen und es den Ungerechten leicht machen. Denn eines Tages werden unsere Enkel fragen: „Wie konnte es soweit kommen? Und warum hat keiner etwas dagegen gemacht?“

Albert Einstein sagte einmal: "Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen."

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0